Auftrittskompetenz und Persönlichkeitsbildung

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Liebe Leserin, lieber Leser

Ich lade Sie zu einer kurzen Erinnerungsreise ein. Bitte schliessen Sie die Augen und versetzen Sie sich zurück in die Zeit, in der Sie Ihre Tage noch zum grossen Teil in spielender Weise verbrachten. Begeben Sie sich für zwei, drei Minuten auf die Suche nach Erinnerungen an eine Lehrperson, die Sie während Ihrer Vorschul- und Primarschuljahre unterrichtet und begleitet hat. Sammeln Sie Bilder, Töne, Gefühle, Augenblicke und schliesslich konkrete Situationen, die aus dem Erinnerungsschatz Ihrer Kindheit auftauchen. Anschliessend erzählen Sie diese Erinnerungen möglichst detailgetreu einem Gegenüber. Schauen Sie ihr oder ihm in die Augen, so können Sie überprüfen, ob Sie verstanden worden sind.

Und nun lassen Sie sich Ihrerseits erzählen, was Ihre Zuhörerin, Ihr Zuhörer, zusätzlich zum Informationsgehalt Ihrer Erzählung, über die Art und Weise, wie Sie sich mit Körper, Stimme, Augen und Gesten mitgeteilt haben, erfahren hat. Lassen Sie sich Ihren Körpergestus (Haltung, Mimik, Gesten) und Ihren Sprachgestus (Stimmlage, Betonung, Tempo, Melodie) beschreiben. Ich vermute, Ihr Gegenüber wird einen reichen Schatz an nonverbalen und paraverbalen Zeichen entdecken, in denen sich die Lehrperson aus Kindertagen für Augenblicke gespiegelt hat.

Mit dieser Erinnerungsreise und dem Spiegeln Ihrer Erzählung durch Ihr Gegenüber sind Sie mitten in einer der Übungen, mit der wir uns – neben vielen anderen – im Modul Auftrittskompetenz beschäftigen.

Die Kunst des Unterrichtens verlangt ein hohes Mass an Präsenz in zwischenmenschlichen Interaktionen, Mehrfachaufmerksamkeit, die Fähigkeit zur Empathie, zur Gestaltung von Beziehungen und zur Improvisation. Die Förderung dieser Schlüsselkompetenzen ist das Ziel der Arbeit im Modul Auftrittskompetenz.

Angehende Lehrpersonen setzen sich mit ihrer körpersprachlichen, sprachlichen und parasprachlichen Wirkung bewusst auseinander. Sie trainieren in unterschiedlichsten Kommunikations- und Auftrittssituationen konkret die berufshandwerklichen Fertigkeiten erzählen, erklären, schildern, vortragen usw., dies mit gezielten Aufmerksamkeiten auf Präsenz, Blick, Kontakt, Nähe und Distanz, Körperhaltung, Sprachgestus.

Mehrfachaufmerksamkeit
Übungen zur Mehrfachaufmerksamkeit bilden einen ersten Schwerpunkt der Arbeit. Arbeitsinhalte sind Spiel- und Übungsformen aus der theaterpädagogischen Praxis und aus der Schauspielausbildung. Nicht selten handelt es sich um Weiterentwicklungen der Kinderspiele, mit denen wir uns die Welt intensiv und sinnlich angeeignet haben und die wir immer wieder bestaunen, wenn wir spielenden Kindern «bei ihrer Arbeit» zuschauen. Was als wichtige Ergänzung für uns Erwachsene hinzukommt, ist die differenzierte Beschreibung und Reflexion der im Spiel gemachten Wahrnehmungen und der dadurch gewonnenen Erkenntnisse. Wie wirke ich auf andere? Welche meiner kommunikativen Stärken sind mir allenfalls noch gar nicht bewusst? Welchen meiner beziehungshinderlichen Eigenarten möchte ich gezielt Aufmerksamkeit schenken, um sie nach und nach abzubauen? Wir üben die wertfreie, professionelle Selbstreflexion und die Beschreibung der Wahrnehmungen, welche uns die Auftritte und Versuche der Mitstudierenden ermöglichen. Wir entdecken Ressourcen, heben verborgene Schätze ans Licht und erweitern das persönliche Verhaltensrepertoire.

Sich seiner bewusst sein
Übungen zur Selbst- und Fremdwahrnehmung bilden einen zweiten Schwerpunkt der Arbeit. Wir arbeiten an der Kunst, sich seiner selbst bewusst zu sein, und an der Stärkung des Selbstbewusstseins der Studierenden. 

Lehrpersonen sind oft und intensiv mit Kindern zusammen; sie hinterlassen – die Erinnerungsreise hat es gezeigt – heftige Bilder und Sinneseindrücke, welche die Kinder beeinflussen und verändern. Möglicherweise werden Verhaltensmuster der Lehrperson zu einem Persönlichkeitsanteil ihrer Schülerinnen und Schüler.

Damit dieser Spiegelungsprozess zwischen Lehrenden und Lernenden lebendig verläuft und eine intensive «neurobiologische Resonanz»[1] (Bauer, 2007, S.25/26) ermöglicht, sollen sich die Studierenden im Modul Auftrittskompetenz gegenseitig als Menschen mit Ecken und Kanten und mit urpersönlichen Eigenschaften erleben dürfen, die sie auch vor ihren künftigen Schülerinnen und Schülern nicht zu verstecken brauchen. Es macht – nach meinem Dafürhalten – Sinn, die angehenden Lehrpersonen zu ermutigen, ihre kommunikativen Möglichkeiten (Körper, Sprache, Augen, Blicke, Gesten, Momente des Innehaltens) beherzt auszuloten. Die Angst, «etwas falsch zu machen», und der Wunsch, möglichst ohne Blösse davonzukommen, behindern lebendige Unterrichts- und Lernsituationen und hemmen die kreative Suche nach dem individuellen, authentischen Auftritts- und Unterrichtsstil.

Selbstverständlich rede ich nicht einer ungehemmten, ungefilterten Selbstoffenbarung das Wort. Mich interessiert das Gestalten von lebendigen Beziehungen, die Arbeit am Bewusstsein für die unterschiedlichen Situationen, in denen ich als Unterrichtender stecke, und das Zusammenspiel mit meinem Gegenüber. Nach und nach sollen berufshandwerkliche Bausteine für geglückte Lehr- und Lernsituationen aufeinander gelegt werden, stets in neuen, überraschenden Anordnungen.  

Individuelle Perspektiven
Den dritten Schwerpunkt der Arbeit bildet das Entwickeln von individuellen beruflichen Perspektiven, das neugierige Interesse für die Lehrperson, die ich einmal sein möchte. Ziel ist es, seine persönlichen Ressourcen kennen zu lernen, bewusst zu nutzen und einzusetzen. Wir wollen über die Ausbildung hinaus neugierig und mit der grösstmöglichen Offenheit uns selbst und den Kindern gegenüber den eigenen, authentischen Unterrichtsstil finden.

Wir fragen: Welche Bilder, Eindrücke, Erlebnisse verankern sich wohl bei meinen künftigen Schülerinnen und Schülern in der Erinnerung? Was werden sie von mir – als Mensch mit Eigenschaften – lernen?

 

Jürg Schneckenburger*

*Jürg Schneckenburger, Jahrgang 1961, ist PHSH-Dozent für Auftrittskompetenz und Theaterpädagogik. Daneben arbeitet er als freischaffender Regisseur und Theaterpädagoge. Er hat Theaterpädagogik an der Schauspiel-Akademie Zürich (heute ZHdK) studiert.

 

Bauer, J. (2007). Lob der Schule: Sieben Perspektiven für Schüler, Lehrer und Eltern. Hamburg: Hoffmann und Campe.

 


[1] «Spiegelneuronen bilden im Gehirn des zuschauenden (oder am Geschehen beteiligten) Menschen nicht nur Handlungen nach, sondern auch Empfindungen und Gefühle. Was Spiegelzellen aus diesen Elementen zusammensetzen, sind schliesslich Gesamteindrücke, die wir von anderen Menschen gewinnen, samt ihren emotionalen Einstellungen, ihren Motivationen und ihren Handlungsstrategien.»