Beziehungsgestaltung im Lehrberuf

Diese Seite drucken (in neuem Fenster)

Text von Frau Maria Tarnutzer

Eine Lehrperson kommt nach der Pause aus dem Lehrerzimmer. Auf dem Weg zum Klassenzimmer beschäftigen sie abschätzige Bemerkungen einiger Kolleginnen zu den Vorgaben für den gemeinsamen Sporttag, dessen Organisationskomitee sie angehört. Zudem hatte sie in der Pause noch eine besorgte Mutter am Telefon, die sich über das Hausaufgabenverhalten ihrer Tochter Gedanken macht. Sie betritt das Klassenzimmer und sieht als Erstes die weinende Eleanor. Andere Kinder umringen die Lehrerin und berichten entrüstet über das Verhalten zweier Knaben in der Pause. Die beiden scheinen sich jedoch keiner Schuld bewusst zu sein, einer trägt grossmäulig seine Sicht der Dinge vor. Die Lehrerin läutet die Signalglocke. Als alle wieder auf den Plätzen sind und Ruhe herrscht, beginnt  sie mit dem Unterricht.

Diese fiktive Lehrperson ist sich bewusst, dass sowohl im Lehrerteam als auch in der Schulklasse und mit der besorgten Mutter Klärungsbedarf besteht. Sie wird in allen Fällen die Initiative ergreifen müssen, um eine für alle Beteiligten möglichst befriedigende Situation zu schaffen. Tut sie dies nicht, werden die Konflikte und Unstimmigkeiten im Verborgenen weiterwirken und letztlich das Klima in Klasse und Schule negativ beeinflussen.

Für Lehrpersonen ist es wichtig zu verstehen, dass sie nebst ihrer Tätigkeit als Wissensvermittler immer auch als Beziehungsarbeiter tätig sein müssen (Miller, 2003). Wie Lehrpersonen in ihren unterschiedlichen Funktionen auf der Beziehungsebene agieren, beeinflusst massgeblich die Befindlichkeit der Schüler und Schülerinnen in der Klasse wie auch die Schulhauskultur als ganze. Erfolgreicher Wissenserwerb ist an eine motivierte Grundhaltung der Lernenden geknüpft, dabei wird auch das Wohlbefinden als zentraler Faktor für erfolgreiche Schulleistungen erkannt (Hascher, 2004).

Unterschiedliche Rollen
Lehrpersonen stehen vor der Herausforderung, in nicht weniger als vier unterschiedlichen Rollen den adäquaten Ton zu finden und erfolgreich zu kommunizieren:
• Sie sind zum Ersten Mitglied eines Lehrerteams, in dem sowohl die Organisation funktionieren sollte als auch gemeinsame Projekte initiiert und vorangebracht wer-den müssen; dies geht selten reibungslos vonstatten.
• Zum Zweiten wird von ihnen Führungskompetenz bei der Leitung der Klasse und Steuerung der Gruppendynamik gefordert; zusätzlich sind einzelne Kinder für ihre Weiterentwicklung auf ein persönliches Coaching angewiesen.
• Drittens leisten Lehrpersonen Elternarbeit, wo sie sich in der Rolle von Beraterinnen und von einfühlsamen Sachverständigen befinden, welche gelegentlich auch unangenehme Beurteilungsentscheide kommunizieren und emotionale Reaktionen auffangen müssen.
• Schliesslich werden Lehrpersonen von Behörden, Schulleitung und Inspektorat selber beurteilt. Um in ihrer Arbeit gestaltungs- und beziehungsfähig zu bleiben, müssen diese Rückmeldungen produktiv verarbeitet werden können.

Professionelle Beziehungsarbeit ist demzufolge eine essenzielle Basiskompetenz von Lehrpersonen, von welcher Berufserfolg und -zufriedenheit zu einem nicht geringen Teil abhängen. 

Es stellt sich nun die Frage, ob und wie diese Basiskompetenz in der Lehrerausbildung vermittelt werden kann. Pädagogische Hochschulen erproben seit einigen Jahren Methoden, wie sie in Ausbildungsgängen üblich sind, welche mit ähnlich hohen Beziehungsanforderungen konfrontiert sind (Sozialarbeiter, Sozialpädagogen, medizinisches Personal etc.).
Im Kompetenzstrukturmodell der PHSH werden die Ausbildungsziele im Bereich Beziehungsgestaltung (Teil von Standard 5 und 6) umschrieben (PHZH, 2009). Folgende Ansätze und Zugänge, das eigene Beziehungsverhalten zu professionalisieren, lassen sich daraus für die Ausbildungssituation herleiten:
 
1. Angehende Lehrpersonen sind Persönlichkeiten mit Beziehungserfahrungen. Sie bringen einen individuell geprägten Kommunikationsstil mit. Biografische Erfahrungen sind elementare Faktoren in der Interaktion mit der sozialen Umwelt und in deren Wahrnehmung. Durch sie werden Haltungen und Alltagstheorien generiert, die für ein professionelles Kommunikationsverhalten bewusst gemacht und in ihrer Absolutheit relativiert werden müssen (Thomann, 2003). Ein erster wichtiger Schritt für die Studierenden ist es deshalb, ihre Selbstreflexion und Selbstwahrnehmung im Bereich der Beziehungsgestaltung zu optimieren.
2. Einschlägiges Wissen über erfolgreiches Kommunikations- und Führungsverhalten lässt sich leicht vermitteln (Schulz von Thun, 2003; Watzlawick, Beavin & Jackson, 2003). Dessen Umsetzung und Anwendung, d. h. die Überführung von Wissen in Handlungskompetenz, ist – insbesondere unter Drucksituationen – jedoch eine schwierigere Angelegenheit (Wahl, 1991).
3. In verschiedenen Trainingsmodulen werden Rollenspiele gemacht, welche mit Hilfe von Videoaufnahmen analysiert werden. Dabei gewonnene Erkenntnisse verflüchtigen sich allerdings schnell wieder, wenn sie nicht über längere Zeit im Alltag angewandt und regelmässig reflektiert werden.
4. In den Praxisphasen der Ausbildung werden die Studierenden von erfahrenen Praktikern und Mentoren begleitet und erhalten, nebst Feedback und Beurteilungen im didaktischen Bereich, auch Rückmeldungen und Anregungen bezüglich ihres konkreten Beziehungsverhaltens im Schulalltag (Niggli, 2005). Die Studierenden lernen ausserdem exemplarisch am Vorbild ihrer unterschiedlichen Praxislehrpersonen. Durch engen Kontakt und Austausch mit ihnen soll es den Studenten und Studentinnen gelingen, einen persönlichen Führungs- und Kommunikationsstil zu entwickeln.

Eignungsverfahren
Im ersten Ausbildungsjahr durchlaufen die Studierenden ein für alle Pädagogischen Hochschulen verbindliches Eignungsverfahren, in welchem sie unter anderem in fol-genden Aspekten der Beziehungsfähigkeit durch Mentoren evaluiert werden: Kontakt-bereitschaft, Einfühlungsvermögen, Interaktionsfähigkeit, Konfliktfähigkeit,  Führung/
Rollenbewusstsein sowie Selbstwahrnehmung /Selbsteinschätzung (PHSH, 2010).

Das Ziel der Ausbildung ist, den Studierenden die unterschiedlichen Rollenansprüche des Lehrberufs bewusst zu machen und ihnen notwendiges Wissen über Kommunikationssituationen und Beziehungsgestaltung zu vermitteln. Ein wesentlicher zweiter Schritt, der während der Ausbildung vollzogen werden muss, ist die Bereitschaft, dieses Wissen im Praxisfeld anzuwenden, sich dabei selbst voranzubringen und kritisch zu hinterfragen.
Die Absolvent/innen der PHSH verfügen damit über Grundbausteine sowie Werkzeuge für die Weiterentwicklung einer professionellen Beziehungsgestaltung im Schulalltag. Die Feuerprobe kommt indes erst im zukünftigen Berufs- und Beziehungsalltag in den Schulen auf sie zu. Wenn diese gelingt, wird der begonnene Entwicklungsprozess weiter voranschreiten und die Lehrpersonen zu einer eigenständigen, zu ihnen passenden Form der Beziehungsgestaltung führen.

Maria Tarnutzer

lic. phil. Maria Tarnutzer, 1956, Dozentin für Bildung und Erziehung
an der Pädagogischen Hochschule Schaffhausen PHSH

Miller, R. (2003). Beziehungsdidaktik. Weinheim/Basel: Beltz.
Hascher, T. (2004). Schule positiv erleben: Ergebnisse und Erkenntnisse zum Wohlbefinden von Schülerinnen und Schülern. Bern: Haupt.
Pädagogische Hochschule Zürich. (2009). Kompetenzstrukturmodell: Ausbildungsmodell NOVA 09. Verfügbar unter http://www.phzh.ch/webautor-data/509/Broschuere_Kompetenzstrukturmodell.pdf [30.9.2010]
Thomann, G. (2003). Ausbildung der Ausbildenden: Exemplarische Materialien aus sieben Kompetenzbereichen zur Vor- und Nachbearbeitung von komplexen Praxissituationen. Bern: hep.
Schulz von Thun, F. (2003, Erstausgabe 1989). Miteinander reden. Bd.1-3. Hamburg: Rowohlt. 
Watzlawick, P., Beavin, J. & Jackson, D. (2003, Erstausgabe 1969). Menschliche Kommunikation: Formen, Störungen, Paradoxien. Bern: Huber. 
Gordon, T. (2006, Erstausgabe 1977). Lehrer-Schüler-Konferenz:. Wie man Konflikt in der Schule löst. Hamburg: Hoffmann und Campe.
Wahl, D. (1991). Handeln unter Druck: Der weite Weg vom Wissen zum Handeln bei Lehrern, Hochschullehrern und Erwachsenenbildnern. Weinheim: Deutscher Studien Verlag.
Niggli, A. (2005). Unterrichtsbesprechungen im Mentoring. Oberentfelden: Sauerländer.
Pädagogische Hochschule Schaffhausen. (2010). Eignungsabklärung. Verfügbar unter http://www.phsh.ch/default-n36-sD.html [30.9.2010]