Bildnerisches Gestalten
Was sagen uns Kinderzeichnungen für den Unterricht?
Wenn sich Erwachsene mit Kinderzeichnungen beschäftigen, ist oft eine Ratlosigkeit festzustellen, wenn es darum geht, diese Zeichnungen zu würdigen, zu verstehen und deren Bedeutung zu erkennen. Im Kontext des Schulalltags sollen keine Interpretationen und Mutmassungen zu Problemen eines Kindes gemacht werden. Dies überlassen wir den eigens dafür ausgebildeten Personen, die beispielsweise in einer Therapie Kinderzeichnungen nutzen, um Lebensumständen oder Problemen eines Kindes näher zu kommen.
Qualitäten von Kinderzeichnungen und wie wir sie lesen können
Die Ausbildung im Bildnerischen Gestalten setzt sich zum Ziel, Qualitäten in Kinderzeichnungen zu erkennen und zu benennen. So fällt in einer Zeichnung die besonders vielfältige und ausdrucksstarke Farbwahl auf, während eine andere auf das detailgenaue Aufzeigen vom Funktionieren eines Traktors fokussiert oder aus der Zeichnung eine Handlung oder ein Erlebnis als Geschichte abgelesen werden kann. Die Zeichnungen geben uns also wertvolle Hinweise auf das, was Kinder im Alltag beschäftigt oder auch was sie bei der Gestaltung besonders wichtig finden.
Eine aufmerksame Lehrperson kann aus Freizeitzeichnungen für den Unterricht im Bildnerischen Gestalten wertvolle Informationen herauslesen und Themen oder auch Techniken für eine Gestaltungsaufgabe gewinnen.
Das Lesen von Kinderzeichnungen muss geübt werden und das Ziel des Unterrichts an der PHSH ist es, die Studierenden zu einem respektvollen Umgang mit Kinderzeichnungen zu sensibilisieren.
Entwicklung der Kinderzeichnung
Wichtig sind auch Kenntnisse über die Entwicklung des Gestaltens bei Kindern und Jugendlichen. Obwohl diese Entwicklung vielfältig abläuft, gibt es Merkmale, die häufig oder auch selten bei jedem Kind auftauchen, allerdings können diese Merkmale nicht an ein bestimmtes Alter, sondern eher an einzelne Entwicklungsphasen gebunden werden. Dieses Wissen ist für den Schulalltag unumgänglich, wenn die Kinder beim Gestalten etwas lernen sollen. Eine motivierende Aufgabe mit definierten gestalterischen Kriterien fördert das individuelle Gestalten und die Kreativität. Spielraum für Eigenes innerhalb einer Aufgabe und die Reflexion über die Arbeit sind Voraussetzungen für einen Lernzuwachs. Übungsmöglichkeiten sind wie für jedes andere Fach auch wichtig für das Gelingen und Weiterentwickeln von dem, was bei vielen kleinen Kindern so selbstverständlich erscheint.
Während Vorschul- und Unterstufenkinder kompositionell ausgewogene Bilder gestalten, bei denen das Zusammenspiel der abgebildeten Dinge wichtig ist und uns als Erwachsene fasziniert, mit welcher Leichtigkeit die Kinder Dinge an gewisse Stellen auf dem Blatt setzen, gilt das Interesse des Mittelstufenkindes mehr und mehr den realitätsnahen Details der es umgebenden Welt. In diesem Alter möchte das Kind häufig zunehmend darstellen, «wie etwas ist». Dabei tritt das sichere Gefühl für Komposition aus der frühen Kindheit in den Hintergrund zu Gunsten vom Willen, einem Phänomen möglichst realitätsnah Ausdruck zu verleihen. Dies bezieht sich wiederum auf verschiedene Aspekte, z.B. Farbe: viele Grüntöne in der Natur; Proportionen: wo befinden sich Augen, Nase, Ohren beim Porträtieren?; Funktion: wie ist die Velokette mit Pedalen und Rädern verbunden?; Raum: Dinge, die weiter vorne sind, werden grösser dargestellt, Dinge in der Ferne kleiner. Diese Entwicklung gilt es stets im Auge zu haben und mit geeigneten Gestaltungsaufgaben weiterzutreiben.
Literatur für Lehrpersonen und Eltern
Kirchner, Constanze (1985): Kinder und Kunst. Was Erwachsene wissen sollten. Klett: 2008.
Seitz, Rudolf (1995): Was hast du denn da gemalt? Don Bosco: 1995.
Edith Gloor Hüppi, 1962, Dozentin für Gestaltung und Kunst, an der Pädagogischen Hochschule Schaffhausen tätig, Nachdiplomstudium in Digitalen Medien, Leitung von Malateliers für Kinder, eigene künstlerische Tätigkeit, Mutter von 3 Kindern im Alter von 2,5 / 9 / 12 Jahren




