Bildungsforschung SKBF
Hochbegabung aus sonderpädagogischer Sicht / Problemschüler separat oder integriert fördern?
Hochbegabung aus sonderpädagogischer Sicht
Institution:
Universität Zürich, Institut für Sonderpädagogik, Hirschengraben 48, 8001 Zürich, Website: www.isp.unizh.ch/isp/
Kurzbeschreibung:
Hintergrund der hier vorgestellten Untersuchung sind Überlegungen zur Erziehung und Bildung hochbegabter Kinder aus einer sonderpädagogischen Warte. Im Zentrum des Interesses steht die Frage, weshalb in der deutschsprachigen Schweiz die hochbegabten Schülerinnen und Schüler in zunehmendem Mass an Instanzen des sonderpädagogischen Bereichs weitergegeben werden. Wie unterscheiden sich hochbegabte Kinder mit besonderen pädagogischen Bedürfnissen von anderen Kindern, seien diese nun hochbegabt oder nicht? Für die Untersuchung wurden drei Gruppen getestet und schriftlich befragt: als hochbegabt diagnostizierte Kinder, die sonderpädagogischen Spezialprogrammen folgen (N = 66), hochbegabte in Regelklassen beschulte Kinder (N = 118) und schliesslich durchschnittlich intelligente Kinder aus Regelklassen (N = 119). Weitere Teile der Untersuchung beschäftigten sich mit der Sichtweise der Lehrerinnen und Lehrer sowie der Eltern.
Laut den Projektverantwortlichen lassen die Ergebnisse mit aller Deutlichkeit erkennen, dass allen anderslautenden Vermutungen zum Trotz sich die hochbegabten Kinder, für welche sonderpädagogische Massnahmen als notwendig erachtet werden, von den anderen kaum unterscheiden – weder in den individuellen Persönlichkeitsmerkmalen (etwa im Bereich der Leistungsmotivation) noch in jenem des Kontexts (dass sie beispielsweise aus Familien stammten, wo sie vermehrt unter stärkerem Leistungsdruck stünden). Hauptsächlich verantwortlich für die zunehmende Zuweisung Hochbegabter an die Sonderpädagogik ist offenbar die Unschärfe des Begriffs der «special needs», der «besonderen pädagogischen Bedürfnisse» – ein Begriff, der von jedermann ziemlich beliebig ausgelegt werden kann.
Ob hochbegabte Kinder als heilpädagogischer Massnahmen bedürftig betrachtet werden, hat offenbar (wie auch im Fall anderer Kinder) vor allem mit der Weise zu tun, Abweichungen von der Norm zu sehen und zu behandeln, sowie vom vorhandenen sonderpädagogischen Angebot, den verfügbaren Plätzen usw. Der Trend hin zur Sonderbeschulung wird sich weiter verstärken, wenn keine gegenläufigen Schritte unternommen werden. Die Projektverantwortlichen halten das für eine alles andere als erfreulichen Entwicklung; sie halten dafür, es sei an der Zeit, die Zuweisung zu sonderpädagogischen Massnahmen – für hochbegabte Kinder, aber nicht nur für sie – endlich auf eine konsistente Grundlage zu stellen, und sie hoffen, ihr Bericht möge anregen zu einer befriedigenderen Lösung des angesprochenen Problems, aber auch ganz allgemein zu einer intensiveren Auseinandersetzung der Sonderpädagogik mit ihren Grundlagen.
Veröffentlichungen:
Hoyningen-Süess, Ursula; Gyseler, Dominik. Hochbegabung aus sonderpädagogischer Sicht. Bern; Stuttgart; Wien: Haupt, 2006, 314 S.
Hoyningen-Süess, U.; Gyseler, D. Erziehung und Bildung hochbegabter Kinder und Jugendlicher: Überlegungen aus sonderpädagogischer Sicht. Zeitschrift für Heilpädagogik, 56. Jg., 12/2005, S. 497-505.
Lienhard, P.; Gyseler, D.; Brunner, E. (2005). Hochbegabung – (k)ein Problem. Zug: Klett & Balmer, 2005




