Bildungssoziologie praxisnah

- Frau Dr. Karin Manz
Die Studierenden an der Pädagogischen Hochschule Schaffhausen setzen sich während ihrer gesamten Ausbildungszeit in vielfältigen Modulen mit ihrer Rolle als zukünftige Klassenlehrperson intensiv auseinander. Dabei stehen die eigene Person, das eigene professionelle Handeln, die persönliche Auftrittskompetenz und die damit verbundene Wirkung auf andere im Vordergrund. Das ist richtig so, denn für die Mehrheit der Studierenden bedeutet das Studium an einer Pädagogischen Hochschule einen erstmaligen Perspektivenwechsel von der (langjährig bekannten und erfolgreich gemeisterten) Schüler/innen-Rolle zur (neuen und mit vielen Unsicherheiten verbundenen) Lehrer/innen-Rolle.
Doch der Fokus auf die eigene Person und die Persönlichkeitsbildung macht noch keine gute Lehrerin! Im zweiten Studienjahr werden die Studierenden in zwei Modulen auch mit soziologischen Fragen rund um Schule und Unterricht konfrontiert. Dieses spezifische Wissen über das Schulsystem und die geleisteten Reflexionsleistungen zu den verschiedensten sozialen Prozessen und Wirklichkeiten sollen dazu beitragen, dass sich die zukünftigen Lehrerinnen und Lehrer in ihrem Praxisfeld Schule zurechtfinden und in der Praxis bestehen können.
Module mit bildungssoziologischen Inhalten
- Lehrer/in sein in unserem Schulsystem (vormals: Schule als Organisation)
- Bildungssoziologie
Schule als Organisation
Die Einzelschule stellt eine komplexe, vernetzte und lernfähige Organisation mit verschiedenen Ebenen und Akteuren dar. Die Studierenden sollen erkennen, dass sie als Lehrperson innerhalb und ausserhalb des Klassenzimmers in der Zusammenarbeit mit ihren Kolleginnen und Kollegen, den Eltern und den Schulbehörden professionell handeln müssen. Wie kann dies in der Ausbildungsinstitution geschehen? Persönliche Idealbilder und Visionen von einer guten Schule markieren den Ausgangspunkt für das persönliche Lernen. Anhand von bestehenden Organigrammen, von Schulleitbildern und Pflichtenheften von Schulleitungen und anderen Akteuren, vom Arbeitsauftrag einer Lehrperson im Kanton Schaffhausen werden die Besonderheiten der Schule als soziale Organisation erarbeitet. Dabei wird das Bewusstsein geschaffen, dass Werte und Normen unserer Gesellschaft ebensolche Strukturen prägen.
Schule als Teil der Gesellschaft
Die Volksschule ist heute eine stabil verankerte Institution. Der amerikanische Organisationssoziologe William Scott beschreibt Institutionen als Gebilde, die auf drei Pfeilern beruhten: einem kulturell-kognitiven Pfeiler, der ein gemeinsames Verständnis eines bestimmten Handlungsfelds widerspiegelt; einem normativen Pfeiler, der den verpflichtenden Charakter von Handlungsoptionen darstellt; einem regulativen Pfeiler, der für gesellschaftliche Regeln, Gebote und Verbote stehe (Scott, 2001).
Die moderne Volksschule ist ein Produkt des 19. Jahrhunderts, entstanden im Geist der Nationenbildung und mit der Idee einer kulturellen Homogenisierung. Standen bei ihrer Gründung in den 1830er-Jahren Homogenisierungs- und Demokratisierungsprozesse im Vordergrund, nahmen vielfältige Differenzierungsprozesse stetig zu (vgl. Criblez, 2001). Heute hingegen zeichnet sich das öffentliche Schulsystem wieder stärker durch homogenisierende Effekte aus. Beispiele dafür sind die Bemühungen zur Integration und Inklusion von Schüler/innen mit besonderen Bedürfnissen oder die Vereinheitlichung der Lehrer/innen-Ausbildungen an den Pädagogischen Hochschulen.
Die Kenntnis über die historische Entwicklung der Lehrberufe als spezifische Verberuflichungs- und Professionalisierungsprozesse leistet in der Ausbildung der PH-Studierenden einen Beitrag zur Professionalisierung des eigenen Berufsverständnisses als Lehrperson. Genauso wichtig ist für die zukünftigen Lehrerinnen und Lehrer jedoch, Bescheid zu wissen über aktuelle Prozesse der Schulentwicklung und den gegenwärtigen Diskurs und die relevanten laufenden Schulreformen und -versuche (Holtappels et al., 2008; Horster & Rolff, 2001).
Bildung und soziale Ungerechtigkeit
Chancengleichheit und soziale Ungleichheit waren wichtige Schlagworte zur Zeit der Bildungsexpansion in den 1960er- und 1970er-Jahren (Rieger, 2001; Kussau & Oertel, 2001; Graf & Lamprecht, 1991; Dahrendorf, 1966). Internationale Schulleistungsvergleichsstudien wie PISA haben den Diskurs um die Gleichheitsidee und deren Möglichkeiten und Grenzen im Rahmen von Schule auch in jüngster Zeit wieder angeregt (Baumert et al., 2006; Deutsches PISA-Konsortium, 2001). Schule bewegt sich immer im Spannungsfeld von Kultur, Gesellschaft, Demokratie, Ökonomie und Ökologie – so definiert es der PHSH-Ausbildungsstandard X, dem die bildungssoziologischen Module zugeordnet werden. Anhand der soziologischen Grundbegriffe «Individuum», «Gesellschaft» und «Institution» lernen die Studierenden die Bedeutung von Bildung und Erziehung für eine multi-ethnische Gesellschaft, wie sie die Schweiz als langjähriges Einwanderungsland darstellt, kennen. Ihre Urteilsfähigkeit über gesellschaftliche Zusammenhänge und individuelle Bildungsprozesse werden dadurch verfeinert und vertieft.
Bildungssoziologie konkret
Für die Lehrerinnen- und Lehrerausbildung stellt sich folgende Frage: Wie kann Bildungssoziologie praxisnah vermittelt werden, so dass die Studierenden für die Herausforderungen in ihrem späteren Berufsfeld vorbereitetet sind? Es gilt, auf der einen Seite grundlegendes Wissen zu vermitteln: über den Aufbau und die Strukturen eines öffentlichen Schulsystems, über die verschiedenen Akteure und ihre Funktionen und Kompetenzen auf den jeweiligen Ebenen des Bildungssystems. Erfahrungsgemäss sind Behördenmitglieder auf kantonaler oder kommunaler Stufe gern bereit, über ihre Aufgaben zu informieren; der direkte Kontakt mit den Referenten wird bei den Studierenden sehr geschätzt und wirkt motivierend. Auf der anderen Seite fordert der Unterricht an der PHSH die Studierenden immer wieder heraus, in textbasierten und freien Diskussionen, in Rollenspielen und Streitgesprächen bildungssoziologische Themen zu reflektieren, sich eine Meinung zu bilden und Position zu beziehen. Als Drittes werden in kleinen Projekten mit frei gewähltem Thema konkrete Forschungsbefunde und soziologische Konzepte selbständig erarbeitet.
Dr. Karin Manz
Die Autorin unseres Beitrags, Jahrgang 1971, ist Dozentin für Bildung und Erziehung an der PHSH. Sie hat kürzlich promoviert mit einer Arbeit, die den Titel trägt «Schulkoordination ja – aber nicht so!». Die Anfänge der schweizerischen Schulkoordination (1960-1985), dargestellt am Beispiel des Konkordats über die Schulkoordination von 1970.
Die Dissertation wurde betreut betreut durch Prof. Dr. Lucien Criblez und Prof. Dr. Jürgen Oelkers, Universität Zürich. Prädikat: summa cum laude. Wir gratulieren!
Die Publikation ist auf Frühsommer 2011 geplant.
Baumert, J. et al. (2006). Herkunftsbedingte Disparitäten im Bildungswesen: Differentielle Bildungsprozesse und Probleme der Verteilungsgerechtigkeit. Vertiefende Analysen im Rahmen von PISA 2000. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Criblez, L. (2001). Bildungsexpansion durch Systemdifferenzierung – am Beispiel der Sekundarstufe II in den 1960er- und 1970er-Jahren. In: Schweizerischen Zeitschrift für Bildungswissenschaften 23/1, S.95-116.
Dahrendorf, R. (1966). Bildung ist Bürgerrecht. Plädoyer für eine aktive Bildungspolitik. Bramsche/Osnabrück: Nannen.
Deutsches PISA-Konsortium (2001). PISA 2000: Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schüler im internationalen Vergleich. Opladen: Leske + Budrich.
Graf, M. & Lamprecht, M. (1991). Der Beitrag des Bildungssystems zur Konstruktion sozialer Ungleichheit. In: V. Bornschier (Hrsg.), Das Ende der sozialen Schichtung? Zürcher Arbeiten zur Konstruktion von sozialer Lage und Bewusstsein in der westlichen Zentrumsgesellschaft. Zürich: Seismo, S.73-96.
Holtappels, H.G. et al. (2008). Schulentwicklung durch Gestaltungsautonomie. Münster: Waxmann 2008.
Horster, L. & Rolff, H-G. (2001). Unterrichtsentwicklung – Grundlagen, Praxis, Steuerungsprozesse. Weinheim: Beltz.
Kussau, J. & Oertel, L. (2001). Bildungsexpansion, Reform der Sekundarstufe I und Pädagogische Arbeitsstellen. In: Schweizerischen Zeitschrift für Bildungswissenschaften 23/1, S.137-164.
Rieger, A. (2001). Bildungsexpansion und ungleiche Bildungspartizipation am Beispiel der Mittelschulen im Kanton Zürich, 1830-1980. In: Schweizerischen Zeitschrift für Bildungswissenschaften 23/1, S.41-70.
Scott, W.R. (2001). Institutions and Organizations. Thousands Oaks, AC: Sage.




