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Erziehung oder was stark macht

Ursina Meier-Ritzmann*  äussert sich unter dem Titel "Erziehung, oder was stark macht" zu Grundsätzen der Erziehung und gibt Hinweise zu verschiedenen Kampagnen und Projekten und zu weiterführender Literatur für Eltern und Lehrpersonen.

 

Erziehung oder was stark macht

Erziehung ist in aller Munde. Die Medien zollen dem Thema Jugendgewalt grosses Interesse. Die NZZ am Sonntag berichtete unlängst, die Zürcher Bildungsdirektorin wolle die Eltern von aggressiven Schülern zu obligatorischen Erziehungskursen verpflichten. Denn man weiss: kompetente Erziehung ist ein mächtiger Schutz gegen Verhaltensprobleme von Kindern. Auch die im April 2007 erschienene Fachzeitschrift "psychoscope" der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen FSP befasst sich mit Erziehungsmethoden. Annette Cina Jossen, tätig am Institut für Familienforschung und -beratung der Uni Fribourg hält dort fest: "Heute wird der autoritative (auch partizipativ genannte) Erziehungsstil von den meisten WissenschaftlerInnen als der für die Entwicklung und Entfaltung von Kindern förderlichste Erziehungsstil angesehen. Dem Kind soll also eine hohe Wertschätzung entgegengebracht werden und gleichzeitig müssen die Eltern auf  klare und faire Regeln und Konsequenzen achten."

 

Mir fällt auf, dass etliche in jüngster Vergangenheit erschienende Beiträge zum Thema  Erziehung weniger auf all das hinweisen, was nicht gemacht werden sollte, wie wir das aus früheren Zeiten kennen, sondern stärkende oder unterstützende Faktoren sowohl für den zu Erziehenden als auch für den Erzieher in den Vordergrund stellen. Damit findet die Erkenntnis, dass persönliche Wertschätzung den Boden für Veränderungen legt, ihren Ausdruck. Im Folgenden möchte ich ein paar pädagogische Konzepte vorstellen, die alle den autoritativen Erziehungsstil konkret umzusetzen versuchen. Ich beginne mit den Erziehungshilfen für Eltern und komme schliesslich zu denjenigen für Lehrpersonen. Für ausführlichere Informationen verweise ich jeweils auf Publikationen oder Internetadressen.

 

Triple-P: Das positive Erziehungsprogramm Triple P wurde an der University of Queensland in Australien entwickelt (Sanders er al., 2000) und ist in der Schweiz seit 2001 vertreten. Triple P hat zum Ziel, die Erziehungskompetenzen von Eltern zu verbessern. In unterschiedlichen Angeboten für Eltern von 2 bis 12-jährigen beziehungsweise von 11 bis 16-jährigen Kindern wird Wissen über Ursachen kindlichen Problemverhaltens vermittelt und werden konkrete Hilfestellungen zur Bewältigung von kritischen Erziehungssituationen geboten. So sollen Eltern ihre Erziehungshandlungen überdenken und Alternativen entwickeln. Das Ziel ist es, den Eltern in kurzer Zeit Kompetenzen zu vermitteln, die ihnen ermöglichen, ihre Probleme selbständig zu lösen. Studien rund um Triple P zeigen, dass die Eltern nach der Teilnahme an einem solchen Programm von weniger Stress im Umgang mit ihren Kindern berichten und dass das kindliche Problemverhalten nachhaltig abnimmt. www.triplep.ch

 

Kampagne "Stark durch Erziehung": Die Kampagne hat zum Ziel, das Thema Erziehung in wertschätzender Weise einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Lanciert wurde sie im September 2006 vom Schweizerischen Bund für Elternbildung SBE und sie dauert noch bis Ende 2009. Im Zentrum dieser Kampagne steht die Broschüre "Acht Sachen…die Erziehung stark machen", die in 16 verschiedenen Sprachen erhältlich ist. Die acht Hauptaussagen "Liebe schenken, streiten dürfen, zuhören können, Grenzen setzen, Freiraum geben, Gefühle zeigen, Zeit haben, Mut machen" kommen als klare Botschaften daher und werden mit farbenfrohen Figuren illustriert. www.e-e-e.ch

 

"Fit für die Schule": Speziell für die Frühförderung haben die Erziehungsberatungsstellen des Kantons Bern ebenfalls im letzten Jahr ein farbiges Leporello herausgegeben, dessen Titel lautet ""Fit für die Schule" - Was kleine Kinder von ihren Eltern brauchen". Es richtet sich an Eltern von 2 bis 6-jährigen Kindern und besagt, dass Kinder in erster Linie "Geborgenheit, Erfahrungen und Beziehungen"  brauchen. Der Aufbau einer positiven Eltern-Kind-Beziehung benötigt Zeit und Präsenz. Gefühle müssen dann benannt und beantwortet werden, wenn sie erlebt werden. Es geht darum, dass Eltern sprechen und zuhören, helfen gute Gewohnheiten zu bilden, Halt geben und Halt sagen, und den Kindern zutrauen, etwas Neues auszuprobieren und Fehler zu machen. www.erz.be.ch/fit-fuer-die-schule

 

"Autorität durch Beziehung": Haim Omer, Professor für Psychologie an der Universität Tel Aviv, führt seit etlichen Jahren Coachings für Eltern von Kindern mit Verhaltensproblemen durch. Sein  Erziehungskonzept basiert auf den Gedanken Gandhis über den gewaltlosen Widerstand. Im erst erschienenen Buch "Autorität ohne Gewalt" (3. Auflage 2004) wird beschrieben, wie Eltern ihre "elterliche Präsenz" zurückgewinnen können. Im Gegensatz zur traditionellen Autorität, die auf  Kontrolle und Vergeltung beruht, weiss der Erzieher, der im Sinne dieser neuen Autorität Präsenz zeigt, dass er nur seine eigenen Verhaltensweisen wirklich kontrollieren kann. Statt mit absoluter Konsequenz, die in der Praxis oft unmöglich ist, reagiert er mit Beharrlichkeit: "ich kann zwar den Rückzug antreten, aber ich komme darauf zurück". Er vermittelt die Botschaft "hier bin ich und ich bin bereit, für meine Überzeugung zu kämpfen". Neben der wertschätzenden Beziehung stehen hier gewaltlose Möglichkeiten für die Durchsetzung von Regeln und Grenzen im Vordergrund. Interessant am zweiten Buch "Autorität durch Beziehung" ist die Ausweitung des Konzeptes auf die Schule. Wie Eltern bei ihrem Erziehungsauftrag auf Unterstützung angewiesen sind, sind es auch die Lehrer. Einsamkeit und gegenseitige Unterminierung schwächen die Autorität der Erziehenden und bewirken, dass gewalttätige Kinder mehr Macht erhalten. Eine positive Zusammenarbeit zwischen den Eltern und den Lehrpersonen ist insbesondere im Umgang mit schwierigen Schülern unerlässlich.

Haim Omer/Arist von Schlippe: Autorität durch Beziehung, Vandenhoeck & Ruprecht, 2004

 

Projekt "Eltern und Schule stärken Kinder" ESSKI: Das Projekt ESSKI wurde in Primarschulen verschiedener Deutschschweizer Kantone zwischen 2004 und 2006 durch die Fachhochschule Nordwestschweiz durchgeführt. Dabei wurden die Kinder, die Eltern und die Lehrpersonen separat und gezielt geschult. Die Kinder nahmen am 12 Wochen dauernden Persönlichkeitstraining "Fit und stark fürs Leben" teil. Die Eltern erhielten ein Video und ein Triple-P-Selbsthilfe-Buch und wurden von Fachleuten individuell während 10 Wochen telefonisch beraten. Bei der Weiterbildung der Lehrpersonen ging es darum, die eigenen Ressourcen zu stärken und Anzeichen von Stress früh zu erkennen und positiv damit umzugehen lernen. Ein besseres Schulklima war die Folge. www.esski.ch

 

"Lob der Schule": Der Autor dieses Buches, das erst kürzlich herauskam ist Joachim Bauer, Medizinprofessor und Psychotherapeut in Deutschland. Er arbeitet nebst verschiedenen anderen Tätigkeiten seit längerer Zeit mit Lehrer-Coaching-Gruppen. Mit seiner neurobiologischen Forschung weist er nach, dass Lust und Motivation fürs Lernen von zentraler Bedeutung sind. Um Kinder angemessen durch längere Übungsphasen zu begleiten -  solche sind zwar nötig, werden aber als Durststrecken erlebt - brauchen sie Interesse an ihrer Person, kritisches Nachfragen und anerkennenden Zuspruch. Auch nach Bauer erfordert ein erfolgreicher Unterricht "eine ausgewogene Balance zwischen verstehender Zuwendung und Führung". Lehrpersonen, denen es gelingt, sich selbst spontan und authentisch zu zeigen und selbstbewusst aufzutreten, haben dabei die besten Voraussetzungen.

Einerseits gibt Bauer unter dem Titel "die Kunst, in der Manege zu bestehen" konkrete Hinweise für ein beziehungs- und also motivationsförderndes Auftreten der Pädagogen. Wichtig ist beispielsweise schon das Betreten des Klassenzimmers (S. 81): "Treten Sie ruhig und nicht zu hastig ein, legen Sie Ihre Materialien am Tisch ab, stehen Sie frei und lassen Sie Ihren Blick einige Sekunden durch die Klasse wandern, bevor Sie die Klasse - mit deutlicher Stimme - begrüssen."

Andererseits stellt Bauer das Wohlergehen der Lehrpersonen, das für die Erziehung der Jugend so wichtig ist, auch in seinen gesellschaftlichen Zusammenhang. Stärkend sind sowohl Gespräche über einzelne Schüler mit anderen Lehr- oder Fachpersonen, als auch die klare Unterstützung durch Schulleitung und Politik.

Joachim Bauer: Lob der Schule,  Hoffmann und Campe 2007

 

Letztlich sind also beziehungsfähige erwachsene Menschen die Grundlage für gelingende Erziehung. Dabei geht es auf der persönlichen Ebene weder um Aufopferung noch um die blinde Befolgung eines Rezeptes, sondern um Offenheit für Begegnungen, die immer einzigartig sind, und um selbstverantwortliches Handeln. Erziehen heisst auch überfordert und schwach sein dürfen. Erziehen heisst immer wieder, die Regeln für das richtige Tun im eigenen Herzen suchen.

Auf der gesellschaftlichen Ebene sind die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Erziehenden, der Eltern wie der Lehrer, das ausschlaggebende Element. Hektik und Stress lassen sich kaum mit dem Anspruch auf erzieherische Präsenz vereinen. Um im Moment angemessen reagieren zu können braucht es Zeit, in der weder für den Unterhalt gesorgt noch Unterrichtsstoff vermittelt werden muss. Es braucht Zeit fürs zwischenmenschliche Zusammenleben und Zeit, darüber nachzudenken und daraus zu lernen.

 

* Ursina Meier - Ritzmann, Psychologin FSP, arbeitet als Schulpsychologin beim Schulpsychologischen Dienst des Kantons Schaffhausen. Erziehungsfragen gehören zu ihrem Berufsalltag.