Brennpunkt
Neue UNICEF Studie: Kleinkinder sind in der Schweiz ungenügend betreut
Der soziale Wandel in den Industrienationen erfordert neue Betreuungsmöglichkeiten für Kleinkinder. Kinder wachsen heute nicht mehr in einem Umfeld auf, wie es ihre Eltern noch kannten. UNICEF untersucht im heute publizierten Bericht «Report Card 8 – The Childcare Transition», wie weit die Industrienationen ihr Angebot an ausserfamiliärer Betreuung und Pflege für Kleinkinder angepasst haben. Die Schweiz erhält in der Studie im Vergleich schlechte Noten. Lediglich 3 von 10 Kriterien werden erreicht und nur 3 der 25 untersuchten Industrienationen erfüllen weniger Kriterien betreffend der Qualität von frühkindlicher Erziehung als die Schweiz.
Nachdem 2007 das allgemeine Wohlbefinden von Kindern in den Industrienationen überprüft wurde, nimmt sich UNICEF in der aktuellen Studie der Situation von Kleinkindern in den reichsten Ländern der Welt an: Durch die zunehmende Berufstätigkeit von beiden Eltern rückt die Betreuung durch Dritte immer mehr ins Zentrum. Ein bedeutender Anteil der Kleinkinder wird ausserhalb der Familie betreut: 80 Prozent der 3-6-Jährigen besuchen ein Angebot für frühkindliche Erziehung oder Betreuung. Dies trifft auch für 25 Prozent aller unter 3-jährigen Kinder zu, in einigen OECD-Ländern sogar für über 50 Prozent.Damit der Wandel in der frühkindlichen Erziehung für die Kinder eine Chance darstellt, braucht es in vielen Ländern zusätzliche Anstrengungen. UNICEF legte für die Studie 10 Kriterien fest, um das Angebot in den einzelnen Ländern zu überprüfen. Dabei wurde insbesondere untersucht, wie die Staaten grundsätzlich zu ausserfamiliärer Betreuung stehen, ob diese für alle zugänglich ist, welche Qualität das Angebot hat und welche Rolle das soziale Umfeld eines Kindes spielt. Von qualitativ guter frühkindlicher Betreuung und Erziehung profitieren alle Kinder, insbesondere Kinder aus sozial schwächeren Familien. Gute ausserfamiliäre Betreuung kann ein Stück weit Vernachlässigungen im Elternhaus ausgleichen, was für diese Kinder langfristig mehr Chancengleichheit bedeutet.
Schweiz erreicht nur 3 von 10 KriterienDer UNICEF Bericht erteilt der Schweiz keine guten Noten bezüglich frühkindlicher Erziehung und Betreuung. Insgesamt schneiden 18 der 25 untersuchten Länder besser ab, womit die Schweiz im letzten Viertel der OECD Nationen liegt. Sie erfüllt lediglich die folgenden 3 der 10 definierten Kriterienpunkte:
- 80 Prozent aller Betreuungspersonen sind ausgebildet
- Auf eine/n Betreuer/in kommen maximal 15 Kinder
- Weniger als 10 Prozent der Kinder sind von Armut betroffen
Schweden erfüllt als einziges Land alle 10 Kriterien. Island, Dänemark, Frankreich, Norwegen und Finnland erreichen die dreifache Punktzahl der Schweiz. Einzig Kanada, Australien und Irland erreichen weniger als 3 der 10 Punkte. Slowenien (als Nicht-OECD-Land) erfüllt 6 und damit doppelt so viele Kriterien wie die Schweiz.
Mangel an Chancengleichheit
Der erhöhte Bedarf an ausserfamiliären Betreuungsangeboten stellt die Industrienationen vor neue Aufgaben. Elsbeth Müller, Geschäftsleiterin von UNICEF Schweiz, weist daraufhin, dass die Betreuung durch Drittpersonen auch eine Chance für einkommensschwache Familien darstellt. Diese sind zum Teil darauf angewiesen, dass beide Elternteile einem Erwerb nachgehen können. Oberste Priorität hat jedoch die Qualität der Angebote: «Wenn die Qualität stimmt, können die Kinder von frühkindlicher Betreuung und Erziehung enorm profitieren. In der momentanen Situation ist es nicht mehr nötig zu diskutieren ob, sondern wie die Qualität mit einem breiten Angebot, auch für Kinder aus sozial schwächeren Familien, gewährleistet werden kann. Auch die Schweiz hat die Kinderrechtskonvention unterzeichnet und ist verpflichtet, das Recht der Kinder auf Nicht-Diskriminierung zu respektieren.»
Nachholbedarf für die SchweizStaatliche Unterstützung für ausserfamiliäre Betreuung betrug in der Schweiz bisher weniger als ein Drittel dessen, was im Bericht als Minimum definiert wurde (1 Prozent des BIP). Nur 2 der OECD Staaten wenden weniger auf als die Schweiz (Irland und Korea).Mit lediglich 16 Wochen Anspruch auf bezahlten Mutterschaftsurlaub bleibt den werdenden Eltern zudem wenig Zeit, um in den wichtigen ersten Lebensmonaten eine tiefe Bindung zu ihrem Kind aufzubauen. Kritisiert wird auch, dass der Betreuungsurlaub nicht auf Vater und Mutter aufgeteilt werden kann, wie das in anderen Ländern der Fall ist. Die meisten Staaten gestehen bei einer Geburt längeren Mutter-/Vaterschaftsurlaub mit flexibleren zeitlichen Regelungen ein. Norwegen gar fünf Mal länger.Insgesamt verfügt die Schweiz über ein gutes Gesundheitssystem. Kriterium 10 zeigt jedoch, dass arme Familien und Familien mit Migrationshintergrund bezüglich Gesundheit bei Neugeborenen nicht befriedigend erreicht werden. Sie können oftmals nicht von diesen Dienstleistungen profitieren. Betreuer/innen in der Schweiz sind nicht genügend ausgebildet. Lediglich die Schweiz und vier weitere Staaten verpassen das Minimum der geforderten 50 Prozent an Personal mit Hochschulausbildung. Die 20 übrigen Staaten erreichen dieses Ziel.Positive Erwähnung finden die angestrebte Vereinheitlichung des Schulsystems (Harmos), die neu eingeführten, systematisch bindenden Lernziele sowie Blockzeiten im Kindergarten. Die 10 KriterienDie für das Erreichen der Kriterien geforderten Standards entsprechen minimalen Anforderungen. Sie richten sich danach, was Staaten tun können, damit die «Child Care Transition» im besten Interesse der Kinder und der künftigen Gesellschaft stattfindet.
Den Report können Sie unter www.unicef.ch/reportcard8 als PDF herunterladen.




