Droht die Überforderung der Lehrerinnen und Lehrer?

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Artikel von Walter Bircher

Droht die Überforderung der Lehrerinnen und Lehrer?

Strukturanpassungen an die veränderten Anforderungen im System Schule sind unverzüglich umzusetzen und entsprechende Mittel sind zu sprechen. Die Gefahr der sich öffnenden Schere zwischen Anspruch an die Schule und der Handlungskompetenz der Lehrpersonen muss vermieden werden. Lehrpersonen dürfen im Umgang mit den zunehmenden schulischen Problemen nicht alleine gelassen werden.

 

Die Ereignisse um eine renitente Zürcher Schulklasse haben in den vergangenen Wochen gesellschaftliche Entwicklungen verdeutlicht, deren Auswirkungen sich zunehmend in der Schule bemerkbar machen:

 

Orientierungsprobleme und die daraus erwachsenden Verhaltensauffälligkeiten von Kindern und Jugendlichen fordern oder überfordern Erziehungsberechtigte und auch Lehrpersonen zunehmend. Laut einer Studie des Dachverbandes der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH) beklagt sich bereits jede vierte Lehrperson in der Schweiz über fehlende Disziplin und mangelnden Einsatz der Schülerinnen und Schüler. Lehrpersonen stellen fest, dass Erziehungsverantwortliche oft ihre Pflichten nicht mehr wahrnehmen und sich gelegentlich sogar eine Erziehungsabstinenz einstellt.

 

Die Schule hat einen Bildungs- und Erziehungsauftrag. Damit Schülerinnen und Schüler gezielt lernen können, hat die Lehrperson optimale Lernarrangements einzurichten. Wenn nun Lehrerinnen und Lehrer mehr Zeit und Energie für disziplinarische Massnahmen aufwenden müssen, leidet der Bildungsauftrag darunter. Die Lernziele können nicht mehr eingehalten werden. Dieses Spannungsfeld belastet Lehrpersonen immer mehr. Sie sehen sich zunehmend ausser Stande, ihren Grundauftrag ohne die Unterstützung der Erziehungsverantwortlichen zu erfüllen.

Wie bereitet die Ausbildung von Lehrpersonen auf die erfolgreiche Arbeit in diesem Spannungsfeld vor?

 

Die Pädagogischen Hochschulen haben ihre Curricula darauf ausgerichtet, dass die Absolvierenden nach erfolgreichem Abschluss gute Voraussetzungen für einen erfolgreichen Start im Beruf haben. Nicht mehr und nicht weniger – die Etablierung eines professionellen Verhaltensrepertoires zur Bewältigung von Worst-Case-Szenarien sind im Rahmen einer Grundausbildung nicht möglich! Die Ausbildungskonzepte sind auf Wissenserwerb, Trainings zum Umsetzen im Unterricht und entsprechende Reflexion von gemachten Erfahrungen in Unterrichtspraktika ausgelegt. Fragen zum Classroom Management, zur Führung von heterogenen Klassen, zum Einbezug der Eltern, sind ebenso selbstverständlich wie eine vertiefte Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen und kulturellen Eigenheiten der Migrantenkinder. In speziellen Modulen wird Konfliktmanagement, Auftrittskompetenz und Kommunikationskompetenz trainiert und werden Erlebnisse aus der eigenen Unterrichtspraxis analysiert.

Um in den immer häufiger anzutreffenden heterogenen Klassen erfolgreich wirken zu können ist eine Diagnosekompetenz unerlässlich: die Fähigkeit abzuschätzen, wann die tolerierbare Norm überschritten ist, wann welche Massnahmen einzuleiten sind und wo welche Fachunterstützung beantragt werden kann, sind zentrale Kompetenzen. Die konsequente Forderung, Unterrichtsgestaltung und -auswertung im Team vorzunehmen, fördert eine Haltung, Verantwortung gemeinsam zu tragen, Probleme im Team zu lösen und in Krisen Fachpersonen rasch beizuziehen.

 

Beim Berufseintritt stellt die Pädagogische Hochschule den Lehrpersonen ein breites und differenziertes Beratungs- und Unterstützungsangebot zur Verfügung.

Es braucht weitere Voraussetzungen, um in einem Krisenfall zielgerichtet und rasch intervenieren zu können: Führungs- und Unterstützungstrukturen. Das System der öffentlichen Volksschule hat sich den neuen Herausforderungen ständig anzupassen.

Im Kanton Zürich erfolgt dies im Rahmen der Umsetzung des neuen Volksschulgesetzes: Mit der Einführung der Geleiteten Schulen, Tagesstrukturen und Blockzeiten werden für Schülerinnen und Schüler über die Stundenplanzeit hinaus Strukturen gegeben, in denen geregelte Tätigkeiten möglich sind. Die Schulleitungen sind mit Kompetenzen zu versehen, die es ihnen ermöglichen, innerhalb der eigenen Schuleinheit die vorhandenen Unterstützungsangebote rasch und unbürokratisch zu nutzen. Die Professionalität der Behörden äussert sich in der Bereitstellung der entsprechenden Mittel und einem klaren Commitment gegenüber allen Beteiligten.

Diese Strukturanpassungen im System Schule sind rasch umzusetzen, entsprechende Mittel sind zu investieren, die dafür nötigen Finanzen frei zu geben. Die Koppelung an Sparmassnahmen verzögert die erwarteten Effekte der Reformen und führt zu Überforderungen der Lehrpersonen.

 

 

Der Autor:

 

Walter Bircher, 56, ist seit 2001 Prorektor Ausbildung und ab 1. September 2007 Rektor der Pädagogischen Hochschule Zürich. Er ist Mitglied und Vertreter der PHZH in der Aufsichtskommission der Pädagogischen Hochschule Schaffhausen PHSH.