Handlungskompetenz im Umgang mit Konflikten und Gewalt
Welche Möglichkeit hat die Ausbildung von Lehrpersonen, auf Konflikt- und Gewaltsituationen im Schulalltag vorzubereiten?
Welche Möglichkeit hat die Ausbildung von Lehrpersonen, auf Konflikt- und Gewaltsituationen im Schulalltag vorzubereiten?

Der Umgang mit Konflikten und Gewalt fordert einen langfristigen Lernprozess, der auf mehreren Ebenen schon in der Lehrerausbildung initiiert und gefördert wird. Die Pädagogische Hochschule Schaffhausen vermittelt Wissen über die Thematik und hilft eine klare Haltung gegenüber Konflikten und Gewalt sowie Handlungskompetenz aufzubauen. Im obligatorischen Modul „Konfliktmanagement“ sowie im Vertiefungsmodul „ Gewalt in der Schule“ wird auf der Basis von problemorientierten Lernen (Problem-Based-Learning) und Rollenspiel gearbeitet. Durch ein individuelles Coaching während der Praktika und dem Lernvikariat kann der Aufbau der Handlungskompetenz auch im Umgang mit Konflikten und Gewalt unterstützt werden.
Die häufigen Schlagzeilen über Gewalt an der Schule und eigene erste Erfahrungen mit Konflikten und Gewalt in den Praktika verunsichern unsere Studierenden, werfen Fragen auf und lenken das zu Beginn vor allem methodisch-didaktische Interesse der Studierenden auch auf psychologisch-pädagogische und soziologische Fragestellungen. Wie kann die Lehrerbildung darauf antworten und Hilfe bieten?
Die Studierenden könnten aufgrund verschiedener Theorien und Forschungsergebnisse informiert werden oder sie könnten erarbeiten, wie Konflikte und Gewalt entstehen, wie Lehrpersonen oder das Lehrerteam präventiv handeln sollten und wie die Thematik von der Lehrperson, dem Lehrerteam selber oder von externen Fachpersonen angegangen werden sollte. Die Studierenden erreichen so theoretisches Wissen im Umgang mit Konflikten und Gewalt. Doch wie stünde es diesfalls mit der Handlungskompetenz der Studierenden, die im Umgang mit Konflikten und Gewalt so wichtig wäre? Die Pädagogische Hochschule Schaffhausen ist nicht der Auffassung, dass diese Handlungskompetenz erst im Berufsalltag entwickelt werden sollte. Zwar darf nicht erwartet werden, dass die Studierenden bereits nach Abschluss ihrer Ausbildung über eine ausgereifte Handlungskompetenz im Umgang mit Konflikten und Gewalt verfügen werden. Die Basis zur Erarbeitung einer Handlungskompetenz ist bereits im Studium zu legen. Die Pädagogische Hochschule Schaffhausen initiiert daher diesen Lernprozess und macht den Studierenden auch die Bedeutung der Problematik im Schulalltag deutlich, der sie von Anfang an ihrer Berufstätigkeit die genügende Aufmerksamkeit schenken müssen (vgl. Hascher u.a., 2003, S.15ff.).
Wie ist es nun möglich in der Lehrerausbildung den Studierenden ein praxisrelevantes Wissen und eine praxisrelevante Haltung zu vermitteln, die zu Handlungskompetenz verhelfen?
Problem-Based-Learning
Wirksamkeitsanalysen zeigen unter anderem, dass durch Problem-Based-Learning die Handlungskompetenz deutlich besser ist als bei Studierenden mit herkömmlichen Methoden, und dass Wissen nachhaltiger gespeichert wird. Die Forscher führen dies zurück auf die Aktivierung des Vorwissens, das kontextgebundene und praxisnahe Lernen an Fallbeispielen und das Anwenden von neuem und praxisnahem theoretischen Wissen auf das Fallbeispiel (vgl. Weber, 2004, S. 23).
Problem-Based-Learning ist im weiteren Sinn ein konstruktivistisches Lernen anhand von Problemsituationen aus der Berufspraxis und im engeren Sinn ein didaktisches-methodisches Vorgehen in mehreren Schritten (vgl. hierzu Landwehr/Müller, 2006, S. 147ff., Weber, 2004, S. 29ff.).
Mit Hilfe von Fallbeispielen aus der eigenen Praxis der Studierenden, derjenigen anderer Lehrpersonen oder aus der Fachliteratur setzen sich die Studierenden zu Beginn der Lernsequenz mit der ganzen Komplexität der Konflikt- oder Gewaltsituation auseinandersetzen. Dazu werden auch Filmsequenzen mit Konflikt- oder Gewaltsituationen verwendet, die nicht nur relevante Informationen zeigen, sondern – wie es in der Praxis auch der Fall ist - auch irrelevante oder widersprüchliche Inhalte zeigen. Dadurch wird eine Annäherung an reale Situationen geschaffen, die selber gekennzeichnet sind durch eine komplexe Fülle von verbalen und nonverbalen Informationen (vgl. Gruber/Renkl, 1997, S. 2007).
Die Studierenden analysieren also anfänglich ein Fallbeispiel aufgrund ihres Vorwissens (vgl. Interdisziplinarität) und ihrer biografischen Erfahrungen. Worum geht es eigentlich? Was ist genau das Problem? Was wissen wir? Im Anschluss daran entwickeln sie Hypothesen über die Art des Problems und Strategien, wie sie zu lösen wären. Dabei entsteht oft ein kognitiver Konflikt, weil ihr Vorwissen nicht ausreicht, das Problem befriedigend zu analysieren und
Strategien möglicher Reaktionen zu entwickeln. Die Studierenden haben Fragen und sind motiviert sich mehr Wissen anzueignen. Die aufgetretenen Fragen werden schliesslich geklärt durch das Aufarbeiten neuer Forschungsergebnisse (z.B. Alsaker, 2003, zum Thema Mobbing) oder relevanter Theorien (z.B. Glasl, 1997, zum Thema Konflikteskalation). Die Studierenden diskutieren nach der Wissenserweiterung neue Hypothesen und Reaktionen, d.h. das neue Wissen wird transferiert in das praxisnahe Fallbeispiel.
Dieses Lehr- und Lernverfahren wirkt also durch das Arbeiten mit kontextgebundenen und praxisnahen Fallbeispielen, das Anknüpfen an das Vorwissen und biografische Erfahrungen und das Anwenden von neuem Wissen auf das Fallbeispiel positiv auf die Entwicklung von Handlungskompetenz und den Aufbau von nachhaltigem Wissen (vgl. oben). Problem-Based-Learning wirkt auch positiv auf das Lifelong Learning ein, weil es ein universelles Problemlösungsverfahren einübt, das auch in künftigen Problemsituationen angewendet werden kann (vgl. Landwehr/Müller, 2006, S. 147).
Rollenspiel
Ein weiteres methodisches Element Handlungskompetenz einzuüben, ist das Rollenspiel (vgl. Wahl, 1995, S. 200). Einerseits können Methoden wie z.B. „Gewaltfreie Kommunikation“, Mediation und „No Blame Approach“ mit Hilfe des Rollenspiels eingeübt werden und anderseits können die Studierenden in Handlungssituationen versetzt werden, in denen sie spontan reagieren müssen.
Beispielsweise die folgenden, stichwortartig ausgeführten Situationen aus Lernvikariaten: Die Studentin tritt nach der grossen Pause ins Schulzimmer ihrer 4.Klasse, die sie seit einer Woche im Lernvikariat betreut. Im Klassenzimmer herrscht ein grosses Durcheinander und lautes Geschrei. Zwei Jungen kämpfen heftig miteinander.
Oder eine Studentin beginnt den Unterricht in ihrer ersten Stunde im Lernvikariat an einer 6. Klasse, und auf einmal bemerkt eine Schülerin: „Der da vorn müsst ihr überhaupt nicht gehorchen, das ist nur eine Studentin.“
Einige Studierende gehen in dieser Lernsequenz vor die Türe und warten. Sie sind die „Lehrpersonen“. Ihnen wird nur kurz mitgeteilt, dass sie mit einer Begrüssung, einer Vorstellung von sich selbst und ihren Zielen fürs Lernvikariat die erste Stunde im Lernvikariat beginnen. Die anderen Studierenden werden über die Spielsequenz informiert und erhalten bestimmte Beobachtungsaufträge für die Reaktion der „Lehrperson“. Die Studierenden sehen, wie in dieser kurzen Spielsequenz durch zum Teil unterschiedliche Reaktionen der „Lehrperson“ das Interaktionsgeschehen ganz anders verläuft. In der anschliessenden Analyse und Diskussion der Spielsequenz schildern die beiden Parteien, wie es ihnen ergangen ist, und wie die Reaktion der „Schülerin“, der „Klasse“ und der„Lehrperson“ auf sie gewirkt und ihr Verhalten beeinflusst hat. Dabei wird auch ein Augenmerk auf die Gefühle gelegt, die ausgelöst wurden. Vor allem Gewaltsituationen sind emotionale Geschehnisse. Häufig sind dies Angst, Trauer, Unsicherheit, Ärger und Wut, die meist zu Handlungsblockaden oder zum Verlust der kognitiven Kontrolle führen (vgl. Hascher u.a., 2003, S. 13). In einem Konflikttraining kann beispielsweise erlebt werden, wie die Studierenden durch eine spontan gespielte Bedrohungssituation (Vater in einem Elterngespräch bedroht die Lehrperson) mit Ärger oder mit grosser Angst und Hilflosigkeit reagieren. Sie sind mit ihrer ganzen Person betroffen. Sie wissen nun, dass solche Befindlichkeiten in der Schulpraxis entstehen können. In diesem Zusammenhang wird den Studierenden eine Strategie vorgestellt, wie in Bedrohungssituationen reagiert werden soll, und schliesslich wird die Strategie mit Hilfe von Rollenspielen praktisch umgesetzt und eingeübt.
Coaching und kollegiale Beratung
Abschliessend ist darauf hinzuweisen, dass die Studierenden in den begleiteten Praktika und im Lernvikariat ihre Handlungskompetenz im Zusammenhang mit Konflikten und Gewalt in der Praxis ausprobieren und erweitern können. Während und nach den Praktika oder dem Lernvikariat wird die Reflexion durch Praxislehrpersonen, die Mentorinnen und Mentoren angeregt. Der Aufbau von Handlungskompetenz fordert eine zunehmende Individualisierung des Lernprozesses -
individuelle Beratung und Coaching der Studierenden (vgl. Wahl, 1995, S. 89f.). Im weiterem wird in der Vorbereitung und in der Auswertung des Lernvikariats mit der kollegialen Praxisberatung (Intervision) gearbeitet, die Wahl als eine gute flankierende Hilfe auf dem störungsanfälligem Weg „… vom Wissen zum Handeln …“ bezeichnet (Wahl, 2006, S. 98).
Aufgrund von Rückmeldungen der Studierenden können wir davon ausgehen, dass es gelungen ist, die Entwicklung von Handlungskompetenz zu initiieren und unterstützen. Die Studierenden können, trotz Stress- und Angsterleben, Gefühle der Unsicherheit und Hilflosigkeit verschiedene Handlungsmöglichkeiten abrufen und ihre persönlichen Grenzen erkennen. Sie verfügen ebenso über Wissen, wo und wie sie Unterstützung oder Hilfe holen können.
Martina Funke
Literatur:
Alsaker, F. D. (2003): Quälgeister und ihre Opfer. Mobbing unter Kindern – und wie man damit umgeht. Bern u.a., Huber.
Glasl, F. (1997): Konfliktmanagement. Ein Handbuch für Führungskräfte, Beraterinnen und Berater. Bern, Haupt.
Gruber, H., Renkl, A. (1997): Wege zum Können: Determinaten des Kompetenzerwerbs. Bern u.a., Huber.
Hascher, T., Hersberger, K., Valkanover, S. (Hrsg.) (2003): Reagieren, aber wie? Professioneller Umgang mit Gewalt in der Schule. Bern, Haupt.
Landwehr, N., Müller E. (2006): Begleitetes Selbststudium. Didaktische Grundlagen und Umsetzungshilfen. Bern, Hep.
Wahl, D. (2006): Lernumgebungen erfolgreich gestalten. Vom trägen Wissen zum kompetenten Handeln. Bad Heilbrunn, Klinkhardt.
Martina Funke, lic.phil, 44, ist Dozentin für Bildung und Erziehung an der Pädagogischen Hochschule Schaffhausen und trainiert auch Studierende an der Pädagogischen Hochschule Zürich in Konfliktmanagement und Kommunikation.




