Integrierter Sprachenunterricht und immersive Unterrichtsformen

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Vom Nutzen der Klarheit der Begriffe

Immersive Unterrichtsformen an der Volksschule und früher Fremdsprachenunterricht: Vom Nutzen der Klarheit der Begriffe

Integrierter Sprachenunterricht und immersive Unterrichtsformen

 

Von Christine Le Pape Racine

 

«Immersion», «bilingualer Unterricht», «CLIL/EMILE», «Arbeitssprache» sind Begriffe, die in letzter Zeit wieder vermehrt zur Diskussion stehen, weil man um die mit ihnen verbundene Methode im Zusammenhang mit der gewünschten und geforderten Mehrsprachigkeit der Volksschulabgängerinnen und -abgänger und der Vorverlegung des Fremdsprachenunterrichts nicht mehr herumkommt. Man kann nicht acht Jahre lang einen traditionellen Fremdsprachenunterricht anbieten, und sei er noch so gut, wenn daneben eine mittlerweile gut erprobte und effiziente Methode zur Verfügung steht, die den Sprachenerwerbsfortschritt erheblich steigern und den Sprachenunterricht ergänzen kann.

Es ist deshalb unumgänglich, sich Gedanken zu machen, wie ein integrierter Sprachenunterricht (gemeint sind damit sowohl die Erstsprache wie weitere Sprachen) optimal angeboten werden kann, sodass die Lernenden vermehrt Verbindungen herstellen zwischen allen ihnen bekannten Sprachen, und wie diese Sprachen im Sachunterricht eingesetzt werden könnten. Sprachen «across the curriculum»1 oder «ein mehrsprachiges Repertoire»2 werden in Zukunft die Volksschule vermehrt prägen. Eine Verbindung von Sprachenunterricht und immersiven Formen gibt es nicht nur in der Schule. Auch im ausserschulischen Leben gehen berufliche Anforderungen in der Praxis und lebenslanges Weiterlernen Hand in Hand, wie kürzlich an einer Immersionstagung der Europäischen Union in Luxemburg gesagt wurde: Without life long learning there will be no life long earning. Dies bezeugen die zahlreichen in den letzten Jahren in der Schweiz an Erwachsene ausgestellten Fremdsprachenzertifikate. Kürzlich wurde z. B. an der Universität Bern das 50 000ste Delf/ Dalf-Französisch-Zertifikat in der Schweiz gefeiert.

 

Die Bedeutung der Begriffe Immersion – CLIL/EMILE –bilingualer Unterricht

Immersion heisst (wie inzwischen allgemein bekannt ist) Eintauchen in die Sprache. Konkret bedeutet dies das Erteilen eines oder mehrerer Fächer in einer Fremdsprache (in Österreich: Arbeitssprache) durch eine ausgebildete Fachlehrperson und nicht durch die Sprachlehrperson. Normalerweise wird immersiver Unterricht fast ausschliesslich in der Fremdsprache geführt. Im kanadischen Grossprojekt benützt man den Begriff «Immersion» nur, wenn über 50% der wöchentlichen Unterrichtszeit in der Fremdsprache stattfindet. 

In Europa spricht man auch bei weniger Prozentanteilen noch von Immersion.  

Ursprünglich unterrichtete die Lehrperson in Kanada ihr Fach ähnlich, wie sie es muttersprachlich getan hätte, was in den oberen Klassen zu einer Stagnation der sprachlichen Fortschritte bei den Lernenden führte. Dies, weil vor allem der Inhalt verstanden werden musste, zu wenig sprachfördernde Aktivitäten stattfanden und Fehler zu wenig angegangen wurden, sodass sich mit der Zeit eine Art eigene Klassenzimmersprache herausbildete, die zwar von allen verstanden wurde, die aber auf der Produktionsseite (Sprechen und Schreiben) auf einem relativ tiefen Französisch-Niveau verharrte.

 

Aus diesem Grund hat man in Kanada in den letzten Jahren versucht, die Fachlehrpersonen auch in die Erkenntnisse über Sprachenerwerb und Sprachvermittlung einzuführen. Die dadurch schneller erworbenen sprachlichen Kenntnisse der Lernenden unterstützten den Erwerb des Fachwissens besser. Daher rührt der Begriff CLIL, französisch EMILE (Content and Language Integrated Learning und Enseignement d’une matière par l’intégration d’une langue étrangère).

 

Er wird international zunehmend gebraucht und meint, dass der Immersionsunterricht in der Fremdsprache nicht genau gleich gehalten werden kann, wie wenn das Fach muttersprachlich unterrichtet würde. In erster Linie zählt immer noch die Sachfachdidaktik, z.B. der Mathematik, wenn aber die Mathematiklehrperson zusätzlich spracherwerbsdidaktisch geschickt handelt, kann das Sachwissen gesteigert und vertieft werden. CLIL/EMILE ist das Resultat von jahrelangen Entwicklungsarbeiten im Rahmen der Schaffung einer Immersionsdidaktik. CLIL/EMILE unterscheidet sich von Sprachenunterricht.

 

Klare Unterschiede zwischen immersiven Formen und Fremdsprachenunterricht

Der wesentliche, eindeutige Unterschied zwischen Immersion und Fremdsprachenunterricht besteht darin, dass bei der Immersion der Stoff evaluiert und benotet wird und nicht die Sprachkompetenz. Durch die Evaluation des Sachfachstoffes entsteht ein Ernstfall, ähnlich wie bei einem Klassenaustausch. Es fragt sich, ob der Begriff CLIL/EMILE für im Stundenplan deklarierten Fremdsprachenunterricht, der wohl Inhalte aus Fächern vermittelt, aber die Inhalte nicht verbindlich evaluiert, verwendet werden darf oder soll. Aus meiner Sicht würde man diesen Fremdsprachenunterricht besser als «inhaltsorientierten Fremdsprachenunterricht» bezeichnen.

 

Bilingualer Unterricht

Der Begriff «bilingualer Unterricht» ist vieldeutig. Einerseits meint er Schulen, z. B. Gymnasien, die bilinguale Züge führen, d. h., wo die Lernenden ein bis mehrere Fächer in einer Fremdsprache absolvieren. Andererseits kann er damit auch eine Unterrichtssituation beschreiben, in der beide Sprachen während einer Lektion eingesetzt werden.

 

Beide Sprachen gezielt einsetzen (code-switching) muss man vor allem dann, wenn die Lernenden sich noch im Anfangsstadium des Fremdsprachenlernens befinden und das Vermitteln des gesamten Sachfachwissens nicht möglich wäre. Dabei wird das Übersetzen vermieden.

 

Konkret wurde bilingualer Unterricht in der Schweiz neben vielen anderen Projekten3 im Modell Stern et al. Auf der Sekundarstufe 1 im Geschichtsunterricht sowie in weiteren Fächern während dreier Jahre entwickelt und angewendet. Er hat sich seit einigen Jahren z. B. im bilingualen Unterricht an den Berufsschulen vor allem in Zürich und anderen Orten etabliert. 

 

Äussere und innere Rahmenbedingungen von immersiven Projekten

Die folgende Darstellung zeigt das Zusammenspiel von 16 Variablen bei der Situierung der Methode. Vor Beginn eines Projektes muss geklärt werden, welche Varianten für das betreffende Projekt gelten, damit die Basis für die methodischen Vorgehensweisen gelegt ist (Erläuterungen nach der Übersicht auf der nächsten Seite). Die ausgesprochene Vielfalt der Kombinationsmöglichkeiten erschwert in der Regel regional, national und international die Vergleichbarkeit von Projekten.

Anfänglich werden vor allem Unterrichtsinhalte, die mit konkretem Sprachmaterial anschaulich vermittelt werden können, gewählt, wie Karten in der Geschichte, Bilder in Geografie und im Werken Objekte, die durch Vorzeigen/Nachahmen gebastelt werden können.

Zu Beginn eines Projekts wird grosses Gewicht auf das Hörverstehen gelegt. Evaluiert wird das Verstehen des Sachinhalts durch z.B. Multiple-Choice-Tests, Richtig/Falsch-Aussagen ankreuzen, Sätze in eine richtige Reihenfolge bringen oder durch das richtige Ausführen der Anweisungen, somit durch Testarten, die nicht sprachintensiv sind. Wenn das Sachfachvokabular zweisprachig aufgebaut wird, sind anfangs auch Tests in der Erstsprache möglich. (Ob das Sachfachvokabular ein- oder zweisprachig verlangt werden soll, ist eine relativ wichtige Entscheidung, die vor Beginn des Projekts getroffen werden muss.)

 

Christine Le Pape Racine ist freischaffende Fremdsprachendidaktikerin mit Mandaten an der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz, am „Forum für die Zweisprachigkeit in Biel" und in diversen Schulprojekten im In- und Ausland. Sie studierte Pädagogik, Politologie, Wirtschafts- und Sozialgeschichte und ist aktuell Dissertandin (Immersionsdidaktik) bei Prof. Dr. Kurt Reusser, Universität Zürich. Mehr Infos unter www.paperace.ch

Die Autorin wird am 31. Oktober 2007, 18.15 Uhr, an der PHSH ein Referat im Rahmen der Sprachenvortragsreihe ED/PHSH halten mit dem Titel „Vom Segen der Fehler und den Widerständen bei der Umstellung auf neue Methoden“ (siehe weiter unter PHSH > Lehrerweiterbildung)

 

1 Le Pape Racine, Christine (2003). Bilingualer Unterricht und Immersion in der Schweiz. In: Hufeisen, Britta et al. (Ed.). Mehrsprachigkeitskonzept – Tertiärsprachen – Deutsch nach Englisch (pp. 105–132. Strasbourg: Conseil de l’Europe.

2 Lüdi, Georges (2004). Innovationsbedarf und Forschungsbedarf in der Sprachausbildung in der Schweiz. In: Schweizerische Zeitschrift für Bildungswissenschaften. Fremdsprachenlern-und -lehrforschung in der Schweiz:

Innovationen in guter Begleitung. 3/2004. S. 477–486.

3 Brohy, Claudine (2004). L’enseignement plurilingue en Suisse: de la gestion de l’innovation au quotidien. In: Schweizerische Zeitschrift für Bildungswissenschaften. Fremdsprachenlern- und -lehrforschung in der Schweiz: Innovationen in guter Begleitung. 3/2004, S. 465–475.