Kommunikation – eine Situation der Selbstdarstellung!

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Man kann nicht nicht kommunizieren

Kommunikation – eine Situation der Selbstdarstellung!

Lassen sich kommunikative Kompetenzen überhaupt erlernen? Wie steht es mit der Wahrhaftigkeit in der Kommunikation? Ist es verwerflich sich bestimmter Wirkungskriterien zu bedienen?

Nach Mummendey (1995, S. 15) gilt es zu akzeptieren, dass ein Sich-selbst-Darstellen in fast jeder sozialen Situation eine Rolle spielt und dass fast jedes menschliche Verhalten immer auch unter dem Gesichtspunkt der Selbstdarstellung aufgefasst und interpretiert werden kann.

Anscheinend kann man sich als Person nicht gegen die Kommunikation entscheiden. Man kann sich ihr höchsten entziehen, das aber auch nur, wenn man quasi von der Bildfläche verschwindet und für andere nicht sichtbar ist, also erst gar nicht in Erscheinung tritt. In diesem Sinne ist auch das metakommunikative Axiom ‚Man kann nicht nicht kommunizieren’ von Watzlawicks (2003, S. 53) zu verstehen.

In vielen Situationen unseres Lebens werden wir veranlasst unsere Aufmerksamkeit auf die Wirkung des Sprechens zu lenken. Entweder stehen wir selbst vor der Aufgabe, wirkungsvoll sprechen zu müssen, oder wir erleben eine kommunikative Leistung als besonders wirkungsvoll. Beeindruckt davon reflektieren wir über das Zustande kommen dieser Wirkung. Der Vergleich mit weniger wirkungsvollen eigenen oder fremden Leistungen bleibt nicht aus.

Obwohl ich immer noch auf Leute treffe, die ihre kommunikativen Fähigkeiten einem vorhandenen oder eben nicht vorhandenen Naturtalent zuordnen, hat glücklicherweise die Einsicht der Lernbarkeit Oberhand gewonnen. Dale Carnegie (Dale Carnegie, 1996) betrachtete die Fähigkeit wirkungsvoll aufzutreten nicht als Kunst, die ganz besondere Talente oder Fähigkeiten erfordert, sondern als eine Fertigkeit, die jeder mit normaler Intelligenz begabte Mensch erwerben kann.
Damit ist die Kommunikationskompetenz keine angeborene und unveränderliche Grösse mehr.

 

Kommunikation im Spannungsfeld zwischen Wahrhaftigkeit und Wirkungskalkül
‚Kommunikation steht wesensmässig im Spannungsfeld zwischen Wahrhaftigkeit und Wirkungskalkül’ (Schulz 2, 2001, S. 24). Damit prallen zwei Philosophien aufeinander, die es zu versöhnen und zu verknüpfen gilt. Auf der einen Seite steht die humanistische Psychologie (Rogers, Cohn u.a), welche sich dem Ideal der autonomen und sich verwirklichenden Persönlichkeit verpflichtet fühlt. Im Kontext der TZI (Themenzentrierten Interaktion) fordert Ruth Cohn (Cohn, 2000, S. 125) explizit authentische Kommunikation ein, indem man sich bewusst macht, was man denkt und fühlt. Als Postulate gelten die totale Offenheit und eine Orientierung an den eigenen Bedürfnissen. Oberste Maxime lautet nur möglichst echt und spontan die Gefühle herauslassen.
Auf der anderen Seite steht der Aspekt des Wirkungskalküls in der Tradition eines Dale Carnegie. Als Teilnehmer eines Dale Carnegies Trainings (Schnupperkurs) stellte ich ein völlig unverblümtes Bekenntnis zur Manipulation fest. Zweifelsohne ist der humanistische Ansatz zur Authentizität der sympathischere. Trotzdem lässt sich aber die Kommunikationspsychologie nicht auf den einen oder anderen Aspekt reduzieren ohne das Wesen der Kommunikation zu verfehlen. Authentizität schliesst Wirkungskalkül nicht aus. Die Frage nach der Wirksamkeit ist ein bedeutender Bestandteil der kommunikationspsychologischen Arbeit und ist vorwiegend von der

Rhetorik und Dialektik inspiriert. Dabei steht die optimale Äusserung im Hinblick auf die bezweckte Wirkung (Reaktion des Empfängers) im Vordergrund. Schliesslich will jeder auch etwas erreichen, wenn er etwas sagt (Schulz 2, 2001, S. 24ff).

 

Was heisst das nun konkret:
Die Herausforderung ist vielseitig und besteht in einer doppelten Übereinstimmung sowohl mit sich selbst als auch mit dem Charakter der Situation. ‚… den sich einzig und allein daran zu orientieren, was einem selbst entspricht, kann durchaus dazu führen, dass man sich «daneben», der Situation unangemessen, verhält (Schulz, 2003b, S.28f). Wenn authentisch und situationsgerecht kommuniziert wird, spricht Schulz von Stimmigkeit. Stimmigkeit als übergeordnetes Kriterium für angemessene, gute und richtige Kommunikation.

 

Jean-Pierre Zürcher, 1967, ist Dozent an der Pädagogischen Hochschule Schaffhausen. Daneben ist er als Inhaber der Firma ‚jean-pierre zürcher kommunikation’ seit 13 Jahren als Coach und Kommunikationsberater in der Wirtschaft tätig.