Kompetenzen fördern
Bsp. Beobachten
Einleitung
Eine Ausbildnerin im Gesundheitswesen klagte mir letzthin: Viele Lernende füllen zwar pflichtbewusst die Patientenformulare aus, aber sie sehen nicht, wie es den Patienten wirklich geht! Wir diskutierten dann über mögliche Gründe. Als Fachdidaktikerin für das Fach Mensch und Mitwelt sehe ich unter anderem einen Grund darin, dass die Fähigkeit zu beobachten ungenügend ausgebildet ist. Mir fällt mir immer wieder auf, dass manche SchülerInnen und Studierende Phänomene nicht differenziert genug beobachten und wahrnehmen können. Phänomene sind Erscheinungen der belebten und unbelebten Umwelt, z.B. Tiere, Pflanzen, Menschen (für Lehrkräfte SchülerInnen) aber auch Wetter, Experimente, technische Gegenstände usw.
Beobachtungen fördern ab Kindergarten
Wahrscheinlich kennen Sie ähnliche Situationen: Sie haben beispielsweise Bergmolche mitgebracht und erteilen dazu Beobachtungsaufträge. Einige SchülerInnen kommen schon nach kurzer Zeit zu Ihnen und behaupten, sie sähen nichts. Beobachten ist komplex (vgl. Box): Es muss begleitet und geübt werden, Kinder brauchen dazu Lernhilfen in Form von Fragen: Wie sieht sein Bauch aus, wie sein Kopf, seine Füsse? Gibt es Unterschiede zwischen Männchen und Weibchen? Hörst du etwas, wenn der Bergmolch schwimmt? Wie bewegt sich ein Bergmolch? Warum bewegt er sich jetzt nicht? Wie frisst ein solches Tier? Ich ermutige und begleite alle, einen Bergmolch in die nasse Hand zu nehmen und die absolut zarten Füsse zu spüren – für viele heutige Kinder und Studierende eine Mutprobe! Aufträge mit Skizzen und Protokollen fördern ebenfalls das genaue Hinschauen, die vertiefte Auseinandersetzung mit dem Phänomen (siehe Bsp. Kindergarten). Wenn wir Kompetenzen wie das Beobachten fördern möchten, spielt die direkte Begegnung, die unmittelbare Auseinandersetzung eine wichtige Rolle (siehe auch Forschung zu Lernen und Lerneffizienz), exotische Themen wie «der Pinguin» eignen sich deshalb weniger.
Kompetenzen heute und in Zukunft
Kompetenzen nehmen bei den heutigen und zukünftigen Bildungszielen eine zentrale Rolle ein. Der neue Deutschschweizer Lehrplan (Lehrplan 21) orientiert sich an Kompetenzen, siehe www.lehrplan.ch Grundlagenbericht, welcher am 18. März 2010 von den Erziehungsdirektorinnen und – direktoren der 21 deutsch- und mehrsprachigen Kantonen verabschiedet wurde.
Üben, überprüfen und beurteilen von Kompetenzen
Eine auf Kompetenzen ausgerichtete Lernkultur braucht einen anderen Umgang mit Schülerleistungen (Winter, 2004). Dies ist aus zwei Gründen anspruchsvoll: Einerseits wurde und wird traditionellerweise beim Beurteilen dem auswendig gelernten Sachwissen ein zu hoher Stellenwert beigemessen. Andererseits braucht es eine gute Aufgabenkultur und neue oder erweiterte Formen der Leistungsbewertung. Dies kann zu Beginn zeitaufwändig sein. Die gute Nachricht: SchülerInnen lösen solche Aufgaben und Tests relativ gerne, da sie abwechslungsreich sind. Probieren Sie es doch einfach aus, sei es als Übung oder als Ergänzung und Bereicherung ihrer eigenen Lernkontrollen. Beispiele kompetenzorientierter Aufgabenstellungen: Orientierungsarbeiten können im Didaktischen Zentrum Schaffhausen ausgeliehen oder unter www.zebis.ch bestellt werden. Im Band Orientierungsarbeit Mensch und Umwelt 3 sind beispielsweise Vorschläge, wie die Beobachtungsfähigkeit bei einem Experiment beurteilt werden könnte. Aufgaben, Situationen und Lerngelegenheiten für den naturwissenschaftlich-technischen Bereich finden Sie unter: http://nawiplus.phbern.ch. Auch Erkundungsaufgaben, bei denen SchülerInnen draussen Phänomene beobachten und festhalten, sind in die Bildungsstandards eingeflossen und werden demnach für die Beurteilung wichtig. Buchtipp: Winter, F. (2004): Leistungsbewertung. In: Bennack, J. et al.: Grundlagen der Schulpädagogik. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, Band 49.
Kompetenzen brauchen Förderung - ein Leben lang, wir Lehrkräfte lernen mit dieser Fokussierung selber viel und unsere Arbeit bleibt spannend und abwechslungsreich. Aufbau von Kompetenzen braucht Durchhaltewillen und Hartnäckigkeit: Bleiben wir dran – auf allen Stufen!
Beobachten und Betrachten mit allen Sinnen heisst:
- Geistiges Eindringen in den Gegenstand durch
Suchen von Bekanntem
Anlegen von Gesichtspunkten
Stellen von neuen Fragen
Knüpfen von Beziehungen - Gestalt suchen durch Herauslösen von Einzelnem aus dem Ganzen
Einordnen von Einzelheiten in Zusammenhänge - Informationen gewinnen
(aus: Geografie in der Schweiz, 1994)
Bsp. Protokoll Kindergarten zum Thema „fallende Gegenstände“: Das Protokoll zwingt zum genauen Wahrnehmen und Festhalten der Flugbahn.
Karin Huser, 1968, ist Dozentin für Mensch und Mitwelt an der Pädagogischen Hochschule Schaffhausen




