Konflikten präventiv begegnen
von Martina Funke
Zu Beginn des Moduls Konfliktfähigkeit/Konfliktstrategien lasse ich die Studierenden drei Begriffe notieren, die ihnen zum Begriff Konflikt in den Sinn kommen. Beim anschliessenden Zuordnen der Begriffe auf die Kategorien «negative Bewertung des Begriffs» oder «positive Bewertung des Begriffs» wird schnell ersichtlich, dass die meisten Studierenden den Begriff mit einer negativen Bewertung verbinden. Wie das anschliessende Gespräch zeigt, hängt dies mit ihren ersten Erfahrungen in der Schulpraxis und mit den aus den Medien und der Literatur beschriebenen Konfliktsituationen in der Schule zusammen. Die Studierenden sind verunsichert, wie sie in Konfliktsituationen mit Schülerinnen und Schülern, Eltern, Kollegen und Kolleginnen oder Schulbehördemitglieder reagieren sollen.
Chance zur Verbesserung der Beziehungen
Die Sorge ist nicht unbegründet. Die Forschung zeigt, dass der Lehrberuf viele Konfliktsituationen mit sich bringt, vor allem in Form störenden Schülerverhaltens. Viele Lehrpersonen nehmen deshalb ihren Beruf als sehr belastend wahr (Herzog/Herzog/Brunner/Müller 2005, Friedmann 1995). Um Konflikte werden sich also die zukünftigen Lehrpersonen nicht bemühen müssen, denn die kommen von allein. Sie müssen Fähigkeiten und Fertigkeiten entwickeln, um produktiv mit Konflikten umgehen zu können. Werden Konflikte kompetent angegangen, sind sie eine Chance zur Entwicklung und zur Verbesserung der Beziehungen (Glasl 2004). Mit einem guten Klassenmanagement1 wird Konflikten präventiv, mit direkten Interventionen und kurativ begegnet. Kounin (2006) ermittelt in seiner Forschung acht Verhaltensweisen von Lehrpersonen, die geeignet sind, Störungen von Schülerinnen und Schülern im Unterricht zu vermeiden. Ein sehr wichtiges Element des Klassenmanagement zur Prävention von Konflikten ist das Festlegen von Regeln und Konsequenzen, wenn Schüler/-innen die besprochenen Grenzen überschreiten (Dubs 1995).
Nicht alle Konflikte lassen sich durch die erwähnten präventiven Verhaltensweisen verhindern. Bei Störungen im Unterricht muss die Lehrperson sofort reagieren. Sie nimmt Blickkontakt mit dem Kind auf, geht in seine Nähe oder ruft den Namen des Kindes auf. Nützt dies nichts und das Kind stört immer noch den Unterricht, so formuliert die Lehrperson eine direkte Aufforderung, was zu tun ist, oder verweist auf die abgemachten Regeln (vgl. hierzu auch «Schallplattentechnik» in Meis/Rhode 2006 oder «Gewaltfreie Kommunikation» in Rosenberg 2005).
Schwer wiegende Konflikte der Lehrperson mit Schülerinnen und Schülern oder unter den Kindern, aber auch einfachere Konflikte, die im Unterricht immer wiederkehren, sollten mit Hilfe von Konfliktlösungsgesprächen bearbeitet werden, die mit einzelnen Kindern oder mit der ganzen Klasse geführt werden. Im Sinne eines guten Klassenmanagements soll im Stundenplan ein Gefäss für die Konfliktlösung institutionalisiert sein, beispielsweise der Klassenrat. Die Gespräche können aber auch in der Pause, nach der Schule oder in akuten Situationen auch sofort, während des Unterrichts, durchgeführt werden.
Einbeziehen der am Konflikt Beteiligten
Es gibt verschiedene Möglichkeiten von Konfliktgesprächen, denen gemeinsam ist, dass sie alle Beteiligte in die Lösungsfindung mit einbeziehen, wie beispielsweise die Mediation (Faller 1989, Weber 2006), das lösungsorientierte Konfliktgespräch (Baeschlin/Baeschlin 2004, Spiess 1998), das konstruktive Konfliktgespräch (Gordon 2000) und die kooperative Verhaltensmodifikation (Redlich/Schley 1981). Allerdings ist es wichtig im Konfliktgespräch, die Grenzen pädagogischen Handelns zu erkennen und die Betroffenen an Drittpersonen zu verweisen, die beispielsweise therapeutisch oder sozialpädagogisch arbeiten. Schliesslich muss die Lehrperson die Strategie kennen, wie bei Mobbing oder bei eskalierenden Konflikten, z.B. bei einer Schlägerei auf dem Pausenplatz (vgl. hierzu Walker 1995, Hagedom 2005) oder bei einer Bedrohung durch einen Vater interveniert werden muss (Blöchlinger 2005).
Präventive Massnahmen sowie Strategien zu Interventionen bei Konflikten sind fester Bestandteil des Klassenmanagements. Ohne jene könnte die Ordnungs- und Kommunikationsstruktur der Klasse, also der Unterricht, das Kerngeschäft der Lehrperson, nicht aufrechterhalten werden. Die präventiven Massnahmen und die Strategien zur Intervention bei Konflikten werden den Studierenden an der PHSH vermittelt und sie werden auch darin trainiert, damit sie fähig werden, Konflikte zu bearbeiten und nicht durch Konflikte unnötig belastet werden.
Martina Funke
Dozentin Bildung und Erziehung
Alsaker, F.D. (2003). Quälgeister und ihre Opfer. Mobbing unter Kindern – und wie man damit umgeht. Bern: Huber.
Baeschlin, K./Baeschlin, M. (2004). Fördern und Fordern. Lösungsorientiertes Denken und Handeln im erzieherischen Umgang mit Kindern und Jugendlichen. Winterthur.: o. V.
Blöchlinger, H. (2005). Krisensituationen. Ein Leitfaden für Schulen. Bern: EDK.
Dubs, R. (1995). Lehrerverhalten. Zürich: skw.
Faller, K. (1998). Mediation in der pädagogischen Arbeit. Ein Handbuch für Kindergarten, Schule und Jugendarbeit. Mülheim: Verlag an der Ruhr.
Friedman, I. (1995). Student Behavior Patterns Contributing to Teacher Burnout. In: Journal of Educational Research and Evaluation, 88 (5), 281-289.
Glasl, F. (20048). Konfliktmanagement. Ein Handbuch für Führungskräfte, Beraterinnen und Berater. Bern/Stuttgart: Haupt.
Gordon, T. (200014). Lehrer-Schülerkonferenz. Wie man Konflikte in der Schule löst. München: Heyne Sachbuch.
Hagedorn, O. (2005). Mediation – durch Konflikte lotsen. 58 schüler- und handlungsorientierte Unterrichtsmethoden. Stuttgart u.a.: Klett.
Helmke, A./Renkl, A. (1993). Unaufmerksamkeit in Grundschulklassen: Probleme der Klasse oder des Lehrers? Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie 25, 185-205.
Helmke, A. (2003). Unterrichtsqualität erfassen, bewerten verbessern. Seelze: Friedrich.
Herzog, W./Herzog, S./Brunner, A./Müller, H.-P. (2005). Zwischen Berufstreue und Berufswechsel. Eine vergleichende Analyse der Berufskarriere von Primarlehrkräften. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft 8 (4). 595-611.
Noltinger, H.-P. (2002). Störungen in der Schulklasse. Weinheim/Basel: Beltz.
Redlich, A./Schley, W. (1981). Kooperative Verhaltensmodifikation im Unterricht. München: Urban/Schwarzberger.
Rhode, R./Meis M.S.R. (2006): Wenn Nervensägen an unseren Nerven sägen. So lösen Sie Konflikte mit Kindern und Jugendlichen sicher und selbstbewusst. München: Kösel.
Rosenberg, M.B. (2005). Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens. Paderborn: Junfermann.
Schönbächler, M. (2008). Klassenmanagement. Bern u.a.: Haupt.
Walker, J. (1995). Gewaltfreier Umgang mit Konflikten in der Sekundarstufe I. Spiele und Übungen. Berlin: Cornelsen.
Weber, H. (2006). Mediation im Klassenzimmer. Kinder lösen Konflikte selber. Wettingen: Eigenverlag Hansueli Weber.
1 Das Klassenmanagement einer Lehrperson errichtet und hält die Ordnungsstruktur und Kommunikationsstruktur einer Klasse aufrecht mit Partizipation und Mitverantwortung der Schülerinnen und Schüler (vgl. Schönbächler 2008, S. 24).




