Neuer Blick auf die Vorschule

- Prorektorin PHSH, Bereich Weiterbildung und Dienstleistung, Catherine Lieger
Seit ein paar Jahren befindet sich die Vorschulstufe im Wandel. Um sich erfolgreich im neuen Umfeld behaupten zu können, geht die PHSH die aktuellen und künftigen Herausforderungen aktiv an und hat sich im Entwicklungsprojekt NOVA 11 zum Ziel gesetzt, neue Konzepte zu entwickeln, welche den anspruchsvollen Anforderungen Rechnung tragen.
Internationale Vergleichsstudien wie Pisa oder Starting Strong (OECD, 2001; 2003a; 2003b; 2006) lösten europaweit Diskussionen über die frühkindliche Bildung und die Professionalisierung von Lehrpersonen im vorschulischen Bereich aus. Der Fokus richtet sich dabei vor allem auf den Bereich «bruchloser Übergang vom Vorschul- in den Schulbereich» und auf den Bereich Erziehung und Betreuung, welcher durch den Aspekt Bildung erweitert werden soll. Unter diesen Voraussetzungen hat sich die PHSH zum Ziel gesetzt ein Konzept zu entwickeln, welches die aktuellen gesellschaftlichen Bedürfnisse und die neuen lernpsychologischen Erkenntnisse berücksichtigt, um die Lehrpersonen der Vorschulstufe auf ihre zukünftigen Aufgaben vorzubereiten.
Bis 2003 wurden die Kindergärtnerinnen in Seminaren ausgebildet. Seither bilden Pädagogische Hochschulen Lehrpersonen aller Schulstufen aus. Trotz diesen grundsätzlich positiven Entwicklungen ist bisher eine Reihe von Fragen ungeklärt. Wie muss eine Ausbildung für Lehrpersonen der Vorschulstufe aussehen, damit sie den heutigen komplexen Anforderungen gewachsen ist? Welche Schlüsselkompetenzen sollen Lehrpersonen der Vorschulstufe erwerben, um gute Bildungsarbeit leisten zu können und wie soll eine wissenschaftlich fundierte Didaktik für den Vorschulbereich aussehen?
Um ein umfassendes Vorschulkonzept entwickeln zu können, müssen folgende Schwerpunkte berücksichtigt werden (Stamm & Edelmann, 2010):
• Die Bildungschancen von Kindern werden stark durch ihre soziale Herkunft bestimmt.
Verschiedene Studien haben nachgewiesen, dass bereits beim ersten Übertritt im Bildungswesen Chancenungleichheit herrscht (Bildungsbericht Schweiz, 2010).
Aus der Studie von Greminger & Co. (2005) geht hervor, dass der Übergang vom Kindergarten in die Primarschule hoch selektiv ist und die Selektion nach wenig objektiven und transparenten Gesichtspunkten erfolgt. Sollen erste Brüche in der Schullaufbahn verhindert werden, muss der Übergang vom Kindergarten in die Primarschule ohne Hürden möglich sein (Grossenbacher, 2008). Weiter belegen bildungsökonomische Studien die Effizienz früher präventiver Förderung (Schütz & Wössmann, 2005; Pfeiffer & Reuss, 2008).
Aufschlussreich sind auch die Schulversuche Grund-/Basisstufe, welche in einigen Kantonen erprobt wurden. Das Hauptprinzip der Grund-/Basisstufe ist die Differenzierung, nicht nach Alter, sondern nach dem Entwicklungsstand, den Begabungen und den Interessen der Kinder im Alter von 4-8 Jahren. Die Ergebnisse aus dem Schulversuch der Grund-/Basisstufe sind positiv, was den erfolgreichen Umgang mit Heterogenität anbelangt. Unabhängig davon, ob die Grund-/Basisstufe eingeführt wird oder nicht, sind die Erfahrungen aus dem Projekt sehr wertvoll für die Weiterentwicklung einer aktuellen Schuleingangsstufe.
• Das veränderte Rollenverständnis im familiären Kontext verlangt nach flexiblerer Kindertagesbetreuung.
Die soziodemographischen Veränderungen in den letzten Jahren hatten zur Folge, dass sich die Familienstruktur unterschiedlich ausprägte. Dies hat auch Auswirkungen auf eine professionelle Kinderbetreuung und Förderung für das jüngere Kind. Es werden in der Schweiz im vorschulischen Bereich zwei übergeordnete Formen der ausserfamiliären Betreuung von jüngeren Kindern unterschieden (EDK/IDES, 2007a): Zum einen die familienergänzende Kinderbetreuung, zu der Kindertagesstätten/Krippen (für Kinder im Alter ab zwei Monaten bis zum Schuleintritt), Tagesfamilien und Kinderhorte zählen. Diese Angebote werden häufig von privaten Organisationen geführt und sind beitragspflichtig.
Zum anderen die Vorschule, die als Teil der öffentlichen Schule betrachtet und die durch Schulgesetze geregelt wird. Nahezu 100% der Kinder besuchen für mindestens ein Jahr die Vorschule. Für zukünftige Konzepte der Ausbildung von Lehrpersonen der Vorschulstufe sind diese gesellschaftlichen Veränderungen zu berücksichtigen, damit auch die Nahtstelle zwischen familienergänzenden Betreuungsstätten und Kindergarten optimal gestaltet werden kann.
• Die ersten Lebensjahre sind eine besonders wichtige Phase in der Entwicklung des Kindes.
Um die Kinder in der Entwicklung optimal zu unterstützen, ist der individuelle Entwicklungsstand jedes einzelnen Kindes zu berücksichtigen (Vygotsky, 2002). Das Entwicklungspotenzial ist nach neurobiologischen Erkenntnissen bei Kindern bis zum sechsten Altersjahr, also vor Schuleintritt, besonders hoch (Casey et al., 2005). Das Konzept der Grund-/Basisstufe hat durch das Team-Teaching-Modell bewiesen, dass sich die Zusammenarbeit in multiprofessionellen Teams für die Förderung der einzelnen Kinder sehr unterstützend auswirkt.
Mit Blick auf die Kosten ist auch darauf aufmerksam zu machen, dass die Schweiz im internationalen Vergleich bisher wenig in den Vorschulbereich investiert hat (Bildungsbericht Schweiz, 2010).
• Junge Kinder verfügen über herausragende Lern- und Entwicklungs-kapazitäten.
Für Kinder im Alter von 4-8 Jahren ist das Spiel eine zentrale Lernform. Lehrpersonen der Vorschulstufe sollten befähigt sein, die Kinder auf der einen Seite durch eine anregende Spiel- und Lernumgebung zu fördern und auf der anderen Seite das Kind beim Spiel lernförderlich zu unterstützen und zu begleiten. Die Aus- und die Weiterbildung von Lehrpersonen der Vorschulstufe sollte darauf ausgerichtet sein, das Repertoire bezüglich Schülerorientierung und Individualisierung auszubauen, die Fähigkeit, den Lern- und Entwicklungsstand der Kinder einzuschätzen, zu stärken und ihre Förderorientierung zu entwickeln. Von zentraler Bedeutung wird die Fähigkeit sein, nächste Schritte in der Entwicklung, der Interessensbildung und des Lernwillens der Kinder zu provozieren, insbesondere bei Kindern, denen ein in diesem Sinne anregendes ausserschulisches Umfeld fehlt. Wichtig ist auch, dass Lehrpersonen befähigt werden, schwächere Kinder gezielt zu fördern (Grossenbacher, 2008).
Im Sinne einer umfassenden Ausbildung von Lehrpersonen der Vorschulstufe werden die oben genannten Punkte im neuen Ausbildungskonzept für die Vorschulstufe der PHSH berücksichtigt. Grundsätzlich sind alle diese Entwicklungen als positiv zu bewerten; sie gehen einher mit der Hoffnung auf eine erhöhte Professionalität von Lehrpersonen im vorschulischen Bereich und eine bessere Verzahnung bzw. Übergangsgestaltung von Vor- und Primarschule.
Catherine Lieger, 1968, Prorektorin Weiterbildung und Dienstleistung an der Pädagogischen Hochschule Schaffhausen
Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung (2010). Bildungsbericht Schweiz 2010. Aarau: Eigenverlag.
Casey, B.J., Tottenham, N., Liston, C. & Durston, S. (2005). Imaging the development brain: What have we learned about cognitive development? Trends in Cognitive Neurosciences, 9, 104-110.
EDK/IDES (2007). Lehrerinnen und Lehrer und anderes Personal im Bildungsbereich. Kap. 8 des Schweizer Beitrags für die Datenbank «Eurybase – The database on education systems in Europe». Verfügbar unter: www.ides.ch [19.8.2010].
EDK-Ost 4bis8 (2010). Projektschlussbericht 2010. Erziehung und Bildung in Kindergarten und Unterstufe im Rahmen der EDK-Ost und Partnerkantone. Bern: Schulverlag plus.
Grossenbacher, S. (2008). Das Projekt «EDK-Ost 4bis8» im nationalen und internationalen Kontext. Eine erste Bilanz. Aarau: Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung.
OECD (2001): Starting Strong: Early Childhood Education and Care. Paris: OECD.
OECD (2003a): Problem Solving for Tomorrow's World – First Measures of Cross Curricular Competencies from PISA 2003. Paris: OECD.
OECD (2003b): Learning for Tomorrow's World – First Results from PISA 2003. Paris: OECD.
OECD (2006). Starting Strong II: Early Childhood Education and Care. Paris: OECD
Pfeiffer, F. & Reuss, K. (2008). Ungleichheit und die differenziellen Erträge frühkindlicher Bildungsinvestitionen im Lebenszyklus. ZEW Discussion Paper 11, 2008.
Schütz, G. & Wössmann, L. (2005). Wie lässt sich die Ungleichheit der Bildungschancen verringern? Ifo-Schnelldienst, 21, 2005.
Stamm, M. & Edelmann, D. (2010). Frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung. Was kann die Schweiz lernen? Zürich und Chur: Rüegger Verlag.
Vygotsky, L.S. (2002). Denken und Sprechen. Weinheim und Basel: Belz Taschenbuch.




