«Schöne» Bilder, Begabung oder was?

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Zum "Bildnerischen Gestalten" von Edith Gloor Hüppi

«Schöne» Bilder, Begabung oder was?

Was das Zeichnen betrifft, so ist es sicher die Aufgabe der Erwachsenen, insbesondere der Schule, das Bewusstsein und das Selbstvertrauen der Kinder und Jugendlichen in Bezug auf den bildnerischen Ausdruck zu fördern und zu stärken, aber nicht zu nivellieren. (Mit Stift und Pinsel, 2006, S. 32)
Häufig begegnen mir Menschen, die von sich sagen, sie könnten nicht zeichnen, seien halt einfach nicht begabt. Beim Zeichnen oder genauer beim Bildnerischen Gestalten geht es darum, Eindrücke und Gefühle visuell auszudrücken. Bildnerisches Gestalten kultiviert eine Sprache, die sich bereits in der frühen Kindheit durch Kritzeln, Schmieren, Aufreihen von Gegenständen, Zeichnen in den Sand usw. manifestiert.
Kinder entwickeln sich in den ersten Schuljahren von phantasiebetonten zu denkenden Wesen. Hier wird deutlich, dass es dem Kinde beim Zeichnen darum geht, Gegenstände und Situationen zu erfahren und zu verstehen. Kinder verarbeiten visuelle Wahrnehmungen mehr und mehr sachbezogen. In ihren späteren Aktivitäten sind sie darauf bedacht, dass sich die gezeichneten und gemalten Ergebnisse mit der Wirklichkeit vergleichen lassen. Sechs- bis Neunjährige sind in ihren Vorstellungen, in denen sie leben, noch sehr beeinflussbar. Selbst wenn ihre Interessen auf eine Sache bezogen sind, so bleibt in ihren Zeichnungen ein kindlicher Bezug erhalten. Die Zehn- bis Zwölfjährigen orientieren sich hingegen immer stärker an der gegenständlichen Welt. Über das sinnlich Fassbare hinaus werden auch die Funktionen der Gegenstände wichtig. (Mit Stift und Pinsel, 2006, S. 31)

 

Wahrnehmung
In erster Linie geht es im Gestaltungsunterricht um Wahrnehmung, wobei der Schwerpunkt im Visuellen liegt, die anderen Sinne dabei aber auch berücksichtigt werden sollen. Der Lehrplan unterscheidet zwischen innerer und äusserer Wahrnehmung, die im Bildnerischen Gestalten verfeinert und somit geübt werden.
Je mehr und besser ein Kind wahr-nehmen kann, umso mehr und besser kann es wahr-geben. (Mit Stift und Pinsel, 2006, S. 83)
Fantasiereisen beispielsweise sprechen die innere Wahrnehmung an, indem durch das Erzählen einer Geschichte ev. im Zusammenspiel mit Geräuschen und Gegenständen innere Bilder bei den Zuhörerinnen auftauchen, die bildnerisch dargestellt werden. Auch Musik erzeugt innere Bilder. Sie kann z.B. als Farbstimmung ohne thematischen Inhalt empfunden werden. Musik kann als rhythmische Geste aufs Papier gebracht und anschliessend mit Instrumenten wieder vertont werden. Musik soll nur dort eingesetzt werden, wo sie zum Gestalten anregt, nie aber als Hintergrundgesäusel einfach so vor sich hinplätschern ohne Bezug und ohne Auseinandersetzung mit dem bildnerischen Gegenstand.
Die äussere Wahrnehmung wird durch einen visuellen Eindruck aktiviert, wenn zum Beispiel der Blumenstrauss von Rotkäppchen im Schulzimmer steht und die Kinder sich mit den verschiedenen Farben der Blüten oder den verschiedenen Blütenformen auseinandersetzen. Es ist die Aufgabe der Lehrperson, den Kindern gezielt Aspekte des Gegenstandes erlebbar und fassbar zu machen. Kinder beschäftigen sich z.B. mit den Formen und Farben der einzelnen Blüten, indem sie deren Aufbau studieren, zeichnen und die gesehenen Farben möglichst genau nachmischen.
In einer Aufgabe mit anderem Schwerpunkt kann es auch darum gehen, den ganzen Blumenstrauss von oben zu malen, indem auf die Formen und Farben der Blüten und ihr Zusammenwirken geschaut wird. Die Blüten werden als Farbflecken dargestellt, die in etwa den Blütenformen entsprechen. Das Augenmerk liegt bei den Farben und Formen und ihrem Zusammenspiel.
Es könnte aber auch die Blumenwiese im Zentrum stehen, von der der Strauss gepflückt wurde. In einer so angelegten Aufgabe spielt die Vielfalt der Farben eine Rolle, die Details und spezifischen Formen der Blüten treten in den Hintergrund, ein Meer von Farbflecken im Grünen wird fokussiert. Hier ist es erwünscht, eine Blumenwiese aufzusuchen und zu erleben, mit allen Sinnen. Der Strauss im Schulzimmer erinnert an das Erlebnis und dient als Anregung für die erlebte Farbenvielfalt, wenn gemalt wird.

 

Aufgabenstellung
Die Lehrperson stellt eine Aufgabe, welche die Wahrnehmung der Kinder auf spezifische Aspekte des Gegenstandes lenkt und dennoch so offen ist, dass jedes Kind seine eigene Sprache, Ausdrucksweise für das Wahrgenommene findet. Es geht nicht darum, nach Anleitung und Vorstellung der Erwachsenen zu gestalten. Die Ergebnisse einer guten Gestaltungsaufgabe zeigen individuelle Lösungen, sind vielfältig und ideenreich und nicht 24 mehr oder weniger gleiche «schöne» Bilder nach Anleitung der Lehrperson. Oft ist Experimentieren ein wichtiger Teil des Lösungsprozesses. Jede Skizze, jeder Versuch ist ein wichtiges Dokument des Gestaltungsprozesses und soll aufbewahrt werden. Wahrnehmung und damit Sensibilität gegenüber einem Gegenstand kann durch praktisches Tun geübt und gesteigert werden. Menschen entwickeln auf den Gebieten ihrer täglichen Erfahrung spezifische und überdurchschnittliche Fähigkeiten. Weber oder Maler können Dutzende von Schwarztönen unterscheiden, während andere nur drei bis vier sehen. Schleifer stellen mit blossem Auge Abstände von 1/1000 Millimeter fest, wo andere kaum den Unterschied von einem Millimeter bemerken.

 

Begabung
Das Interesse des Unterrichts im Bildnerischen Gestalten liegt in der Schulung und Übung der differenzierten Wahrnehmung durch die Sinnesorgane. Der/ die Lernende soll • fähig sein, visuelle Reize differenziert wahrzunehmen und nach bestimmten Kriterien zu ordnen • fähig sein, visuelle Empfindungen zu erläutern • fähig sein, Gefühle zu visualisieren • fähig sein, im Bereich des visuellen Kulturangebots Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden (Kunst und Unterricht, 1996, S. 191)
Haben die Kinder die Chance, sich immer wieder mit «ästhetische Gegenständen» auseinanderzusetzen, werden sie gestalterisch geschult und können diese Sprache entwickeln und verfeinern.
Zeichnen und allgemein alles Gestalten setzt sich zusammen aus Wahrnehmbarem, Imagination, Erinnerungsfähigkeit und Darstellungsfähigkeit. Wer die Chance erhält, diese Dinge zu üben, wird selbstverständlicher mit visuellen Phänomenen umgehen und erleben, das die ganz individuelle Darstellungsfähigkeit ihre Berechtigung hat und nicht von Begabung abhängig ist, sondern von der Chance, ästhetisch handeln zu dürfen (zeichnen, malen, 3D Gestalten, filmen, fotografieren usw.)


 
...oder was?
Dichte Bilder entstehen in einer entsprechenden Atmosphäre. Was viele als «Entspannung», Gegensatz zum Kopflastigen sehen, ist eigentliche strenge Arbeit, was daran jedoch so wohltuend ist, ist die Möglichkeit, sich in etwas vertiefen/ versenken zu können (Flow) und das wird in einer herumzappenden Welt als wertvoll empfunden. Als Entspannung wird es wohl deshalb erlebt, weil inne gehalten werden darf. Die Hingabe an etwas, das motivierte und ev. liebevolles Herangehen an eine Sache wird sich auf alle Dinge des Lebens/ der Schule übertragen. Damit wird auch das vernetzte, fächerübergreifende Denken und Handeln unterstützt. Das ist der angenehme, im Zusammenhang mit den musischen Fächern oft genannte Ausgleich zum Rest der Schule wie sie zurzeit häufig stattfindet.

 
Edith Gloor Hüppi ist Dozentin für Bildnerisches Gestalten an der Pädagogischen Hochschule Schaffhausen und an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Sie arbeitet auch als freie Künstlerin und gestaltet mit Kindern aller Altersgruppen im eigenen Atelier.