Sprachdidaktik
Hat die Schulschrift ausgedient?
Seit Jahren bekomme ich in meiner Funktion als Schriftdidaktikerin in den Frühlingsmonaten E-Mails aus dem Glarnerland von Hans-Eduard Meier (Schriftsetzer, Erfinder der Basisschrift): Vergesst endlich die veraltete Schnürlischrift, welche bei Kindern lediglich Leidensdruck erzeugt, lehrt die Studierenden die von mir entworfene Basisschrift.
Das Thema Schnürlischrift ist seit einiger Zeit von den Medien aufgenommen worden, vielleicht deshalb, weil immer mehr Schulen eigene Wege gehen und zur Basisschrift wechseln. Inwiefern dieses föderalistische Vorgehen zur Zeit von Harmos und im Hinblick auf den Lehrplan 21 sinnvoll ist, bleibe dahingestellt. Ebenso, ob mit der Einführung der Basisschrift alle Probleme gelöst seien.
Wie sieht sie denn aus, diese Basisschrift? Brauchen wir überhaupt in der heutigen Zeit noch eine Schulschrift? Welche? Und wie soll sie gelehrt werden? Diesen Fragen soll nachgegangen werden.
Basisschrift
Beispiel unverbunden für die erste Klasse sowie verbunden für die nachfolgenden Jahre.
Schreibverhalten im 21. Jahrhundert
Gedanken festhalten, Feriengrüsse, Handschriftproben bei Bewerbungen, Notizen für den Alltag, kurze Übungen in der Ausbildung, Botschaften usw.: All dies erfolgt auch heute noch in der persönlichen Handschrift. Selbstverständlich auch in der Schule längst nicht mehr so oft wie früher, als die Kinder noch viel Schreibroutine hatten. Immer mehr verdrängen auch elektronische Medien die Handschrift und trotzdem werden wir ohne sie nicht auskommen. Welche Schrift soll aber als Grundlage für die persönliche Handschrift dienen?
Schulschriften und ihre Funktion
Ziel des Schreibunterrichts der meisten kantonalen Lehrpläne ist eine geläufige, gut lesbare, adressatenbezogene Schrift. Ziel ist also nicht die Schulschrift. Diese dient somit in erster Linie als Vorlage für die persönliche Handschrift. Die Schnürlischrift aus dem Jahr 1949 genügt heutigen Anforderungen nicht mehr. Mit der Steinschrift verfügen wir aber bereits über eine grundlegende Erstschrift, deren Buchstaben zu einer leicht verbundenen Schrift ausgebaut werden könnten. Erfahrungen aus Deutschland zeigen, dass leserliche, persönliche Handschriften auch dann entwickelt werden, wenn keine Verbundschrift gelehrt wurde. Die Basisschrift braucht es meines Erachtens als Erstschrift nicht, denn die verwendeten Fibeln enthalten bereits die Steinschrift, und diese genügt allen Anforderungen.
Schreibtraining nur noch in der ersten Klasse?
Wunderbar: Schreiblektionen und Schreibtraining lediglich noch im ersten Schuljahr, dann kennen die Schülerinnen und Schüler alle Buchstaben … Nachher verbinden die Kinder mit der Zeit individuell einzelne Buchstaben. Ist dies wirklich der Weg zur Handschrift?
Fest steht, dass ein Buchstabe so lange geübt werden muss, bis der Ablauf automatisiert erfolgt. Beim Schreiben eines Textes muss ich mich auf den Inhalt und nicht auf die einzelnen Buchstaben konzentrieren können! Kinder, welche ungern schreiben, haben unter Umständen hier ein Problem.
Was macht ein Roger Federer, wenn er gewonnen hat? Er trainiert am nächsten Tag weiter und feilt an seinen Bewegungsabläufen. Was macht eine Geigerin nach einem erfolgreichen Konzert? Sie übt weiter.
Schreiben gehört – mit welcher Schrift auch immer – zu den hoch spezifischen Bewegungen, welche ein regelmässiges, zielorientiertes Wiederholen erfordern. Erfolgt dies nicht, fehlt die zwingend nötige Automatisierung. So entstehen Schriftprobleme. Für den Lernprozess des Verbindens benötigen Kinder Vorschläge, verbindliche Vorgaben und eben: Training, bis sich Routine eingeschliffen hat.
Ob Basisschrift, Steinschrift oder Verbundschrift: Der Schreibunterricht muss auch in der Mittelstufe weitergeführt werden, auch wenn es einfacher ist, sich dieser Arbeit zu entledigen. Gute Übungen, beharrlich immer wieder durchgeführt: Da ist die Lehrer/innen-Bildung gefordert, welche aufzeigen muss, wie guter Schreibunterricht aussieht, welche Ziele er anstrebt. Dass dabei in absehbarer Zukunft auch das Schreiben mit dem Zehnfingersystem auf dem Computer dazugehören könnte, ist wohl nicht utopisch und wäre sinnvoll. Ich habe dies selber durchgeführt mit dem Programm «Goldfinger» in einer 2. Klasse, welche dann auch noch in der 3. Klasse wöchentlich 30 Minuten Tastaturschreiben geübt hat. Mit Freude, immer gewandter in der Anwendung. Leider haben wir dann – aus verschiedenen Gründen – in der 4. Klasse darauf verzichtet. Eigentlich schade.
Wie weiter?
Es hat aus meiner Sicht keinen Sinn, den Schulen Alternativen bezüglich des Schrifterwerbs anzubieten, wie dies heute in einigen Kantonen der Fall ist.
Im Kanton Luzern sind bereits viele Schulen dazu übergegangen, anstelle der Schweizer Schulschrift die neue Basisschrift zu unterrichten. Die Einführung ist mit der Erwartung verbunden, die Kinder im Vergleich zur herkömmlichen Schulschrift zu entlasten, weil dadurch nur noch ein Schriftsystem eingeführt wird, welches zunächst unverbunden gelernt wird und von den Lernenden dann zur teilweise verbundenen Schreibung weiter entwickelt wird.
Inwiefern mit der Einführung der Basisschrift alle Probleme weggezaubert würden, bleibt abzuwarten. Mit der Einführung des Lehrplans 21 erhoffe ich mir bezüglich der Schrift klare Ziele, sodass alle Kinder zumindest der deutschsprachigen Schweiz dieselbe Schrift erlernen.
Ob Basisschrift oder Steinschrift: Mit Bezug auf ihre Vor- und Nachteile zur heutigen Schulschrift sind sicher noch fundierte Abklärungen notwendig. Zudem braucht es geeignete Lehrmittel für den Schreibunterricht, damit die Lehrkräfte unterstützt werden in ihrem Bestreben, jedem Kind zu seiner persönlichen, gut lesbaren Handschrift zu verhelfen.
Doris Kraft
Dozentin für Schriftdidaktik an der PHSH
Literatur
Schläpfer, M. (2003). Von der Basisschrift zur persönlichen Handschrift. Lehrmittelverlag des Kantons Aargau.
Keller, J. (2007). Roger Federer und der Schreibunterricht oder Brauchen wir neue Schulschriften? i-Mail 1, S.5-9.
Mock, B. (2007). Die Schnürlischrift gehört nicht mehr in die Schule. NZZ, 4.2.2007.
Meier, H.-E.: www.schulschrift.ch
Doris Kraft, 1952, Dozentin für Schriftdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Schaffhausen PHSH.




