Sprachförderung in der Vorschule
Umgang mit Zeichen und Schrift
Sprachförderung in der Vorschule an der PHSH – Umgang mit Zeichen und Schrift

Wir erleben gegenwärtig einen verschärften Druck auf die nationalen Bildungssysteme durch internationale Vergleichsstudien. Insbesondere die Ergebnisse bezüglich Lesefertigkeit führen dazu, dass das Problem nach unten weitergereicht wird und die Vorschule vor der Frage steht, ob sie die Kinder in diesem Bereich genügend auf die Schule vorbereite.
Das modulare Ausbildungskonzept an der PHSH mit einem relativ kleinen Anteil an Studierenden im Bereich Vorschule legt nahe, dass man schulische Konzepte des Schrifterwerbs einfach auf die Vorschule überträgt. Dies wird aber bewusst vermieden, weil die Begegnung mit Zeichen und Schrift in der Vorschule andere Schwerpunkte und Qualitäten kennt. Diese sollen im Folgenden mit dem Begriff „Literalität“ umschrieben werden.
Viele Kinder erleben unsere Lese- Erzähl- und Schriftkultur lange bevor sie „formal“ lesen und schreiben lernen. Verse und Wortspiele, Bilderbücher und Gute-Nacht-Geschichten sowie Gespräche über Gelesenes prägen ihre sprachliche Umgebung. Damit verbunden ist die Entwicklung literaler Grundfähigkeiten: In Reimen und Sprachspielereien werden wichtige Vorläuferfähigkeiten für unsere Lautschrift trainiert. Das Wiedererkennen von Symbolen und Zeichen zeigt dem Kind, dass es sich lohnt Informationen festzuhalten, weil sie damit längerfristig zur Verfügung stehen.
- Kompetenzen - Neben vielfältigen Erfahrungen mit erzählten Geschichten und dem damit fast unausweichlichen Sprachzuwachs sind hier auch strategische Kompetenzen zu nennen: Wie kann ich über einen Sachverhalt zunehmend vollständig und explizit berichten? Wie beschaffe ich mir Informationen? Wie thematisiere ich etwas, das nicht gerade zur Situation, zum Hier und Jetzt gehört?
- Wissen - Auch multimedial aufbereitetes Wissen basiert letztlich auf der Schrift. Die verschiedenen Funktionen von Schrift im Bilderbuch, im Sachbilderbuch, in elektronischen Medien oder ganz traditionell im Vorlesebuch faszinieren und vermitteln dem Kind Weltwissen.
- Einstellungen - Schrift kann Neugier befriedigen und Neugier erzeugen: Die Freude an schönen Büchern, der Stolz auf ein Plakat, das die Theateraufführung ankündigt, steht dabei neben der nicht geringeren Wertschätzung der Lehrperson oder der Eltern gegenüber dem selbstverfassten Kritzelbrief.
Kinder mit reichhaltigen ausserschulischen Erfahrungen im Bereich der Literalität haben Entwicklungsvorteile im Bereich der allgemeinen Sprachkompetenz und besonders beim Lesen und Schreiben. Kinder jedoch, die erst beim Schuleintritt verschiedenen Formen der Schriftlichkeit begegnen, sind klar im Nachteil: Hier ist es ein Gebot der Chancengleichheit, kompensatorische Unterrichtsmodelle in der Vorschule anzubieten.
Dabei geht es nicht einfach um ein Vorverlegen des Schriftspracherwerbs. Viel nachhaltiger wirkt sich eine reichhaltige Buch-, Erzähl-, Reim- und Schriftkultur auf der motivationalen Ebene aus. Denn die Einsicht in die Funktion von Schrift motiviert zu ihrer Verwendung! Literalität in der Vorschule zielt dabei auf die Entwicklung folgender Bereiche:
Damit das Lesen- und Schreibenlernen gelingen kann, braucht das Kind Vorstellungen und Fantasien über Schrift und Schriftlichkeit. Literalität in der Vorschule stimuliert solche Vorstellungen, ohne das Kind zu überfordern. Schon der primäre Spracherwerb zeigt ja, dass Kommunikation möglich ist, obwohl einzelne Teilhandlungen noch nicht kompetent beherrscht werden. Gleiches gilt für den Erwerb der Schriftkultur: Buchbegegnungen sind lange vor dem lesenden Zugang sinnvoll, die Vorformen des Schreibens überraschen zudem oft durch ihre originelle Funktionalität.
Mündlichkeit – Schriftlichkeit: Das Denken von Kindern in der Vorschule wurzelt in der Oralität, deshalb ist es unabdingbar, der Schriftlichkeit im Gewand der Mündlichkeit zu begegnen. Die gesprochene Sprache bildet bereits ein Symbolsystem, ihre Wörter sind als Zeichen den Gegenständen und Sachverhalten zugeordnet. Der Weg zur Schrift als einem Symbolsystem zweiter Ordnung stellt weitere Anforderungen an das Abstraktionsvermögen. Dem soll ein möglichst sinnlicher Zugang entgegengestellt werden, der das Faszinosum Schrift durch verschiedene Sinneskanäle vermittelt:
- visuelle Eindrücke durch die grafischen Formen verschiedener Schriften
- Klang und Rhythmus bei der Gestaltung von Reimen und Versen
- Bewegungsvollzug bei grafomotorischen Übungen und beim Schreiben
- Intellektuelle Experimente mit Bedeutungen beim Wortspiel
Konkret umgesetzt bedeutet Literalität im Vorschul-/Kindergartenalltag, dass ich als Lehrperson immer wieder die Gelegenheit ergreife um mein Schreiben modellhaft einzusetzen („Das muss ich aufschreiben, damit ich nächste Woche noch daran denke!“), dass ich Schreiben als Teil des Rollenspiels anrege (z.B. „Post“, „Architekturbüro“ als Rollenspielangebote), dass auf Bücher zurückgegriffen wird um Fragen zu klären, um spannende Geschichten zu erzählen und dass das „Lesen“ von Logos, Piktogrammen und Anschriften ganz selbstverständlich zur Alltagsorientierung beigezogen wird. So eingebettet haben auch rein funktionsbezogene Konzepte wie das „Würzburger Trainingsprogramm zur phonologischen Bewusstheit“ ihren Sinn.
All diesen Wegen gemeinsam ist das metasprachliche Bewusstsein: Mittels Sprache begegnen wir Sprache. Zentral ist dabei aber stets der lustvolle Umgang im Wissen, dass uns die Sprache seit dem Lallen als Säugling ein liebes Spielzeug ist.
Gerhard Stamm ist Dozent für Deutsch und Musik und Chorleiter an der Pädagogischen Hochschule Schaffhausen




