Supervision

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Supervision verpasst

Supervision verpasst

„Hoffentlich bekomme ich keine Supervision verpasst!“, meinte eine Lehrerkollegin nach einer Mitarbeiterbeurteilung. Sie bekam keine Supervision ‚verpasst’, aber ich fragte mich – und frage mich noch heute – was an einer Supervision so schrecklich ist?

 

Das Wort Supervision bedeutet: Super = über, Vision = blicken (vom Lateinischen videre = sehen). In der Supervision geht es also darum, etwas zu überblicken. Der Supervisor/ die Supervisorin hat eine Aussensicht auf die Berufspraxis der Supervisanden und kann so durch gezieltes Fragen den Blick der Supervisanden weiten, so dass diese neue Wege und Lösungen für ihre Arbeitspraxis finden.

 

Supervision begleitet Einzelne, Teams, Gruppen und Organisationen bei der Reflexion und Verbesserung ihres beruflichen oder ehrenamtlichen Handelns. Fokus ist je nach Zielvereinbarung die Arbeitspraxis, die Rollen- und Beziehungsdynamik zwischen Supervisand und Klient, die Zusammenarbeit im Team bzw. in der Organisation des Supervisanden usw. (http://de.wikipedia.org/wiki/Supervision )

 

Wenn ich als Lehrperson eine Supervision in Anspruch nehme, so geht es darum, mir über meine Arbeit oder ein aktuelles Problem bei meiner Arbeit einen Überblick zu verschaffen und damit auch einen gewissen Abstand zu gewinnen. Supervisoren/ Supervisorinnen geben grundsätzlich keine Ratschläge, sondern helfen durch geschicktes Fragen, die von den Supervisanden geschilderten Tatsachen aus neuen Blickwinkeln zu beleuchten.

 

Wir Lehrpersonen werden in unserem Berufsalltag immer intensiver gefordert. In den Medien wird von schwierigen Schülern und ‚Horrorklassen’ berichtet. Unsere Beziehungen zu den Lernenden fordern uns täglich aufs Neue. Es ist meine tiefste Überzeugung, dass wir uns auf die professionellen Beziehungen mit den Lernenden intensiv einlassen müssen. Untersuchungen haben gezeigt, dass der wichtigste Faktor zu erfolgreichem Lernen eine gute Beziehung zwischen der professionell handelnden Lehrperson und dem Lernenden ist. Meist müssen wir diese Beziehungen aber noch immer im Alleingang managen.

Oft habe ich mich in schwierigen Situationen selbstkritisch gefragt: Liegt es an meiner Persönlichkeit  oder an der Persönlichkeit des Lernenden? Hier hat mir die Supervision bereits mehrmals geholfen, eine Situation besser zu verstehen und dadurch klarer handeln zu können.

Als Lehrperson muss ich mich aber auch abgrenzen können. Für viele Probleme (soziales Umfeld, Familiensituation, etc.), die die Lernenden behindern, bin ich nicht verantwortlich und kann sie nicht lösen. Trotzdem bin ich täglich mit den Auswirkungen dieser Probleme konfrontiert. Hier hilft es, mit einer professionell ausgebildeten, aussenstehenden Person, also einem Supervisor/ einer Supervisorin, auszuloten, was ich leisten kann und wo ich mich abgrenzen muss.

 

In den meisten Berufen, bei denen die Arbeitenden regelmässig mit Klienten zu tun haben (Sozialarbeiter/ Sozialarbeiterinnen, Psychologen/ Psychologinnen, Therapeuten/ Therapeutinnen...) sind regelmässige Supervisionen Teil des Berufsalltags. Eigentlich – so bin ich überzeugt – würde eine solche Praxis auch im Lehrerberuf zu einer spürbaren Entlastung vieler Lehrpersonen führen.

Was ist es, was viele von uns noch immer befürchten lässt, wir bekämen eine Supervision ‚verpasst’?

Untersuchungen zeigen, dass Lehrpersonen meist hohe Ansprüche an sich selber und an ihre Arbeit haben. Gerade diejenigen unter uns, die ihre Arbeit perfekt machen wollen, sind burnout gefährdet. Wir meinen, alle an uns gestellten Anforderungen alleine erfüllen zu müssen. Es ist aber in unserem Beruf immer möglich, noch perfektere Lektionen zu halten und noch mehr Zeit und Energie in Elternkontakte, Teamentwicklung, neue Unterrichtsideen und Unterrichtsmaterialien etc. zu investieren. Kurz gesagt, wir sind nie wirklich fertig mit der Arbeit.

Dennoch gibt uns unser Umfeld manchmal zu verstehen, dass ja eigentlich jede und jeder unterrichten könnte. Viele Eltern meinen zu wissen, wie Schule funktioniert. In manchen Kreisen herrscht noch immer die Meinung, wir hätten zu viele Ferien. Wir sind aber topp ausgebildet und arbeiten professionell!

Gerne helfen wir allen Lernenden und unseren Teamkollegen. Hilfe anzunehmen fällt uns aber schwer. Es erscheint uns vielleicht als Eingeständnis von Versagen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass eine Reflexion von aussen sehr heilsam ist. Dabei fühle ich mich nicht als Versagerin. Durch regelmässige Reflexion meiner Arbeit in einer Supervision werde ich stärker!

 

In seinem Buch „Supervision“ schreibt Johann Schneider:

Wissen und Können tragen letztendlich nur dann zu beruflichem, privatem, gesellschaftlichem, geistigem und seelischem Wohlergehen bei, wenn es von sich entwickelnden Persönlichkeiten gelebt wird.  Insofern nimmt für mich als Lehrer und Supervisor hinter aller Wissensvermittlung und aller Schulung von Fertigkeiten und Kompetenzen die Entwicklung und Förderung der Persönlichkeit im Sinne einer reifen professionellen und privaten Rollenidentität eine Schlüsselposition ein. (J.Schneider, 2000, S. 12)

Jede Mitarbeiterbeurteilung sollte zum Ziel die Förderung der Persönlichkeit der Lehrpersonen im oben zitierten Sinn haben.  Ich hoffe, dass  die Schule - neben all den zukunftsweisenden Reformen -  die Supervision nicht verpasst.

 

(Franziska Kundert Mayer, Primarlehrerin/ Supervisorin/ Schulpraxisberaterin, www.praxis-visionen.ch)

 

Quelle:

Schneider, Johann: Supervision. Supervidieren & beraten lernen. Paderborn: Junfermannsche Verlagsbuchhandlung, 2000