Unterrichtsthemen
Lesen /Raubkopien
Wissenswertes rund ums Lesen
Schon gewusst, dass man das Lesen beim Lesen (und genauso das Schreiben beim Schreiben) von Texten lernt? Das ist weit weniger banal, als es tönt; denn das heisst dann eben auch, dass das Leseverständnis nicht verbessert wird, wenn man im Unterricht mehr Hochdeutsch spricht, wie es gewisse Leute im Anschluss an die Pisa-Ergebnisse lauthals verlangen. Eine solche Forderung basiert auf dem leider weit verbreiteten Irrtum, dass sozusagen automatisch ein Transfer vom Mündlichen ins Schriftliche geschieht. Die Spracherwerbsforschung weiss aber aus Untersuchungen, dass dies nicht stimmt, weil die Unterschiede zwischen gesprochener und geschriebener Sprache viel zu gross sind. Nichts gegen das Hochdeutsch als Unterrichtssprache, weil man auch das Sprechen nur beim Sprechen lernt - eine bessere Lesekompetenz erreicht man mit mehr Hochdeutsch im Unterricht aber nicht.
Schon gewusst, dass das Vorlesen von Texten/Büchern weit mehr ist als ein Luxus, den man sich vor allem auch auf der Oberstufe regelmässig und häufig leisten sollte? (Gemeint ist dabei hauptsächlich das Vorlesen durch die Lehrperson!) Was uns Vorlesenden als blasses Konsumieren und gelangweilt-passives Zuhören vorkommen mag, ist in Wahrheit eine aktive Beschäftigung mit der Leistungskraft der (geschriebenen) Sprache fürs Denken und die Welterschliessung. Untersuchungen haben sogar einen positiven Zusammenhang von früher Vorlesehäufigkeit und späterer Schreibkompetenz ergeben. Vorlesen ist also nicht bloss ein Geschenk, das den Schülerinnen und Schülern in der Regel Freude bereitet, sondern auch noch aktive Sprachförderung, die in dieser Erlebnisform durch nichts Gleichwertiges zu ersetzen ist.
Schon gewusst, dass das stille Lesen und Vorlesen völlig verschiedene Funktionen haben und deshalb klar auseinander gehalten werden müssen? Stilles Lesen ist das, was wir normalerweise zum Wort "lesen" assoziieren bzw. unter Leseverständnis verstehen: Einen geschriebenen Text still für sich decodieren und dabei möglichst dessen Sinn erfassen. Das Vorlesen hingegen ist ein kommunikativer Akt, bei dem andern Leuten, die in der Regel den Text nicht vor sich haben, mit dem Vorlesen etwas berichtet oder erzählt wird. Das Vorlesen hat damit eine Brückenfunktion zwischen den drei sprachlichen Bereichen Hören/Sprechen, Lesen und Schreiben. Wer gut gestaltet vorlesen will, sollte den Text gut kennen und/oder sich aufs Vorlesen entsprechend sorgfältig vorbereiten, damit das Zuhören auch wirklich zum Erlebnis wird.
Schon gewusst, dass unter dem lauten Lesen nochmals etwas anderes verstanden wird als unter dem Vorlesen, obschon ja auch beim Vorlesen laut statt still für sich gelesen wird? Das laute Lesen ist von seiner Funktion her eine Vorstufe des stillen Lesens und dient dem Verstehensprozess, bei dem man Wörter und Sätze für sich selber artikuliert und dadurch hörbar macht um sie besser zu verstehen. Während es beim Vorlesen um ein möglichst fliessendes, gestaltetes Lesen geht, ist beim lauten Lesen das Ziel die Sinnerfassung des Textes. Der Unterricht tut gut daran, die beiden Leseformen genau zu unterscheiden und vor allem auch den Schülerinnen und Schülern klar zu machen: Lies bitte mal laut (und versuch zu verstehen, was da steht); lies bitte mal vor (und achte dabei auf Lesefluss und Gestaltung).
Aus: Lesen: Schon gewusst, dass ... ? forum fortbildung 4/04 der Zentralstelle für Lehrerinnen- und Lehrerfortbildung, schulverlag blmv, Sem 2004




